Von Ernst Stein

Du hast den linken Fuß auf die Messingschiene gesetzt und versuchst vergeblich, mit der rechten Schulter die Schiebetür etwas weiter aufzustoßen. Du zwängst dich durch die schmale Öffnung und ergreifst deinen dunklen, flaschengrünen Koffer aus genarbtem Leder... So redet mich ein Buch im ersten Satz an. Und ich habe gar keinen grünen Koffer. Es muß ein Selbstgespräch sein, denke ich mir; ein beliebter Romananfang. Mitnichten, denn im letzten Satz sagt das Buch zu mir: Du verläßt das Abteil.

Ich sitze aber gerade auf der Rasenbank und lese

Michel Butor: "Paris–Rom oder Die Modifikation"; aus dem Französischen von Helmut Scheffel; Biederstein Verlag, München; 307 S., 14,80 DM

einen Roman, in dem ich dreihundert Seiten lang per Du angeredet werde, ohne mich angesprochen zu fühlen.

Denn hier liegt der mit dem Prix Renaudot 1957 gekrönte literarische Einfall vor, einen ganzen Roman lang nicht "Ich" zu sagen und nicht "Er" – sondern "Du". Du – soll das Ich sein, der Leser?

Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß ich (wie der Du des Romans) ein Pariser Spießer von 45 Jahren bin, meiner Ehe überdrüssig; eher könnte ich mir denken, daß ich (wie wiederum der Du des Romans) Vertreter einer Schreibmaschinenfirma wäre, und sehr gut sogar, daß ich in Rom eine Liebste habe; ja auch, daß ich ihr zuliebe meine Ehe lösen möchte, um sie heimzuführen – aber unter gar keinen Umständen könnte ich mir denken, daß ich mir die Sache erst auf der Fahrt zu ihr noch mal überlege und lieber bleiben lasse, denn keinesfalls hätte ich sonst die teure Fahrkarte gekauft. Damit wäre zugleich die Handlung erzählt; es kommt, wie man sieht, auf sie nicht so sehr an, nur auf das "Wie" der Erzählung.