Die französischen Bauern blicken gebannt auf den deutschen Markt

Wer Frankreichs wirtschaftliche Entwicklung verfolgt, weiß, daß der Export noch ansehnlich über den derzeitigen Stand hinaus gesteigert werden muß. Kein Wunder also, daß auch der Export landwirtschaftlicher Produkte, gefördert wird. So läuft gegenwärtig eine Werbeaktion "Frankreich bittet zu Tisch" in den westdeutschen Städten (Düsseldorf, Dortmund, Hamburg, München), Auch eine Einladung des französischen Landwirtschaftsministeriums an deutsche Wirtschaftsjournalisten zu einer großen Informationsreise diente in erster Linie dem Ziel, die Exportchancen der Landwirtschaft ins rechte Licht zu rücken.

Die französische Landwirtschaft ist auf der Höhe. Sie erwartet viel vom Gemeinsamen Markt, Es war überraschend, wie positiv die wechselnden Gesprächspartner von Nord bis Süd, in erster Linie Vertreter der regionalen und örtlichen bäuerlichen Organisationen und Genossenschaften, zum Gemeinsamen Markt standen und mit welchem Optimismus sie auf neue Absatzmöglichkeiten zählen. Die Franzosen wollen ihre Rolle in der EWG spielen. Sie wollen nicht mit der Massenproduktion glänzen, sondern mit Qualitätsprodukten in den deutschen Markt eindringen.

Man wird auf französischer Seite den deutschen Markt studieren, welche Produkte, welche Geschmacksrichtung und Qualität Anklang finden könnte und sich anstrengen, die richtigen Qualitäten zu erzeugen. Das Denken geht hier primär von den Erfordernissen des Absatzes aus und nicht van der herkömmlichen Produktion.

Wir konnten allerdings das Gefühl nicht loswerden, daß die Franzosen die Absatzmöglichkeiten im deutschen Markt erheblich überschätzen. Die Bundesrepublik erscheint manchen Köpfen offenbar noch als ein Gebiet mit mancherlei Versorgungslücken Abgesehen von einigen Spezialitäten dürfte die Steigerung des französischen Absatzes aber davon abhängen, ob sich der deutsche Geschmack dem französischen nähert. Das französische Obst wird nicht nur in Konkurrenz mit dem deutschen, sondern auch mit dem italienischen stehen. Es sind keine "leeren" Märkte, in welche die Franzosen eindringen möchten. Aber ihre intensiven Bemühungen um den Absatz werden hier die Konkurrenz verschärfen – auch dann, wenn der Wettbewerb nicht mit dem Preis, sondern der Qualität ausgefochten werden sollte.

Im Getreidegebiet an der Aisne versuchten wir zu ergründen, ob ein relativ hoher einheitlicher Getreidepreis in der EWG (bei dem der französische Preis bis zu 30 v. H. erhöht würde) zur Überproduktion in der EWG führen würde. Der französische Bauer ist am höheren Getreidepreis interessiert. Uns wurde erklärt, höhere Weizenpreise würden keinen wesentlichen Einfluß auf die Produktion haben. In den Hauptanbaugebieten sei der Boden ausgenutzt, die Hektarleistung hoch, und für die Modernisierung fehle das Kapital. Das mag richtig sein, erschöpft aber das Problem nicht. Denn in der nördlichen Weidewirtschaft ließen sich bei geringer Intensivierung erhebliche Flächen für Getreidebau frei machen. Auf längere Sicht ist die Gefahr der Überproduktion daher nicht ausgeschlossen.

Drüben wird allerdings diese Gefahr kaum gesehen. Angesichts der ansehnlichen deutsches Einfuhren von nordamerikanischem Qualitätsveizen hegt Frankreichs Landwirtschaft scheinbar die Vorstellung, wir könnten statt amerikanischem mehr französischen Weizen kaufen. Der Vorschlag, Frankreich möge die in der Bundesrepublik fehlenden kleberreichen Sorten vermehrt anbauen, fand dabei kaum Resonanz. Im übrigen steckt hinter dem französischen Wunsch größerer Weizenlieferungen an die Bundesrepublik auch die Idee, bevor Deutschland Getreide einführe, müßte erst die Ernte des EWG-Raumes untergebracht werden. Der Gemeinsame Agrarmarkt wird also manche Überraschungen und auch Kummer bringen...

Friedrich Lemmer