Ein fast sommerlicher Nachmittag lag über dem Land, als wir an die Havelseen hinausfuhren. Es war wie ein Atemholen, als mich die Weite der östlichen Heimat umfing. Über die Gartenzäune hinweg, an den Wegrändern, die in den Grenzwald hineinführten, und auf dem dörflichen Anger verschenkte verwilderter Flieder sich in blühenden Wellen. Es ging etwas Großzügiges, etwas souverän Verwahrlostes von den Häusern aus, von Gärten und Wegen, eine leise Kargheit und Strenge – es war Preußen. Dieses Preußen, gegen das ich in meiner Jugend aufstehen mußte, als es reich und "erfolgreich" werden wollte, aber nur laut und selbstgerecht wurde; und dem ich nachweine, seit seine phrasenlose Stoik und die ironische Gelassenheit seiner armen und ärmsten Söhne in der moralischen und geistigen Landschaft unseres Staates fehlen.

Wir ruhten auf einem bescheidenen Landungssteg aus und schauten nach den Segeln hinüber, die sich auf der Weite der Seen spielerisch blähten, um dann vor einer unsichtbaren Wand, der Sektorengrenze, zurückzuschrecken. Ein Schiffer mit verbogener Kapitänsmütze legte, von einem Hund begleitet, am Steg an. Auf unsere Fragen berichtete er höhnisch, aber resigniert, daß auf diejenigen geschossen werde, die diese fast unkenntliche Grenze im Wasser, im Schilf oder auf Waldwegen überschritten.

Ich begehrte innerlich auf: warum findet sich unser Volk so gern bereit, das Sinnlose, das Widernatürliche anzuerkennen, wenn es nur "von oben" in Verfahrensregeln gegossen ist? Ließe sich dieses von den Siegermächten erzeugte Monstrum "Berlin" auch nur einen Monat lang am Leben und in Ketten halten, wenn ein anderes Volk als das deutsche hier etwa zu sagen hätte? Würden nicht an unserer Stelle andere, sei es aus Vernunft und Patriotismus oder auch nur aus Lässigkeit und Korruption, einmütig auf nichts anderes sinnen, als darauf: die Ketten, die Verfahrensregeln, die Sektoren- und Zonengrenzen, die Ideologien und Perversitäten, kurz das Potsdamer Abkommen und den Kalten Krieg loszuwerden? Nicht mit einem Aufstand, sondern mit Hohn, Achselzucken und Schlamperei, also mit der Unterwanderung sinnloser Regeln durch menschlich-allzumenschliches Verhalten?

Doch verflogen solche Gedanken vor dem Bild des Abends, der glänzend und voll Schwermut heraufzog. Wir horchten auf die Stimmen der Segler und Fischer, vom Wasser aufgenommen und weitergetragen, auf den klagenden Ruf der Wasserhühner und die kämpferische Strophe eines winzigen Rohrsängers, der seinen Herrschaftsbereich von der schwankenden Höhe eines Schilfstengels überwachte.

Am jenseitigen Ufer zog sich hinter dem Wannsee der Waldgürtel hin, mit seinen lichtgrünen Buchen und dunklen Föhren zwischen See und Stadt die Größe der Natur wahrend.

Als in der Stunde der Dämmerung die Seen in kaltem, milchigem Blau das letzte Licht an sich zogen, schien der Abgrund, der unser Leben zerrisse hat und über den nur wenige Stimmen, ja kaum die Antennen der Erinnerung reichen, sich noch einmal zu schließen.