A. M., Paris, im Juni

In der deutschen Presse wird nur selten von den unmenschlichen Formen gesprochen, die der Algerienkrieg in beiden Lagern angenommen hat. Das hat seinen guten Grund: es steht Deutschland nicht an, gerade in dieser Hinsicht andern Völkern Lektionen zu erteilen. Aber es handelt sich dabei nicht nur um ein moralisches Problem, sondern mehr und mehr um ein Politikum. Es kann darum nicht völlig außerhalb der politischen Berichterstattung bleiben.

Wer unter Franzosen lebt, der weiß, wie viele von ihnen aufs tiefste aufgewühlt sind durch die immer wieder durchsickernden Nachrichten über Folterungen und "summarische Liquidationen", über die Lager, in denen die Bevölkerungen ganzer Landstriche unter oft schlimmen Verhältnissen zusammengepfercht sind. Und vor allem gibt es immer wieder Franzosen, die mit großem persönlichem Mut gegen diese schändlichen Vorgänge auftreten und damit die humanitäre Tradition ihres Landes aufrechterhalten – auch wenn sie dafür von einem Teil ihrer Landsleute als "Verräter", "Helfershelfer der Kommunisten" und gar als "Anti-France" beschimpft werden.

Gewissen Extremisten unter ihren Landsleuten sind allerdings diese Franzosen ein arger Dorn im Auge. Gaullistische Abgeordnete – darunter der Putschist Biaggi – haben einen Gesetzesvorschlag verfaßt, der für alle Handlungen, welche "die Moral und das Ansehen der Armee gefährden", schwere Strafen vorsieht. Kommt dieses Gesetz durch, so dürfte es kaum mehr möglich sein, Unmenschlichkeiten anzuprangern und zu bekämpfen.

Dies wäre um so bedenklicher, weil die Exzesse des Algerienkrieges, einem wuchernden Geschwür gleich, mehr und mehr auch nach Frankreich hinüber sich ausdehnen. Ein Gangrän nennt man ein solches Geschwür, und "La Gangrène" heißt denn auch das aufsehenerregende Büchlein von hundert Seiten, das die Pariser Editions de Minuit in diesen Tagen herausbringen – der gleiche Verlag also, der schon Allegs "La Question", diesen erschütterndsten aller Folterberichte, veröffentlicht hat. Ob das neue Büchlein, das eben erst die Druckerei verlassen hat, wie der Bericht von Alleg beschlagnahmt wird?

Wenn die in diesem Bändchen vereinigten sieben Zeugnisse von Algeriern stimmen, so ist im Dezember 1958 und im Januar 1959 in und um Paris auf eine schauerliche Weise gefoltert worden. (Wir ersparen dem Leser die Einzelheiten.) Die Zeugen stehen mit vollem Namen zu ihren Aussagen, und sie vermögen auch die Namen von Polizeiinspektoren zu nennen, die sie unter ihren Peinigern identifizieren konnten.

In diesen Zeugnissen wird einer der höchsten Beamten Frankreichs, nämlich Roger Wybot, der Direktor des D.S.T.-Geheimdienstes, angeklagt, sich an den Folterungen beteiligt zu haben. Wybot hat inzwischen seinen Posten verloren – aber nicht wegen dieser Geschichte, sondern weil er, als "der Mann der Linken" unter den Häuptern der verschiedenen französischen Geheimdienste, ein Opfer der sachten Unterwanderung des Polizeiapparates durch gaullistische Kräfte geworden ist. Die Gefolterten haben zwar Klage gegen ihn eingereicht. Aber nach Aussage des Verlages ist es bisher nicht einmal zu einer Konfrontation zwischen Klägern und Angeklagten gekommen.