In einem tiefgründigen Unternehmen des NDR sprach der englische Philosoph Bertrand Russell an sechs aufeinander folgenden Abenden im UKW-Programm über sich selbst und über die Gedanken eines Philosophen zur Situation der Politik. Nur eine einleitende Betrachtung wurde englisch vorgetragen. Dann las Russell in einem sauberen Deutsch, das er als Kind von seiner Schweizer Gouvernante erlernt hat, sechs deutsche Übersetzungen vor, die Hans Flesch-Brunningen von den englisch konzipierten Manuskripten hergestellt hatte.

"Irgendwie hatte ich mir vorgestellt, daß Kriege durch tyrannische Regierungen der widerstrebenden Bevölkerung aufgezwungen werden." Diesen Irrtum erkannte der Philosoph, als er 1914 die nationale Propaganda aller Kriegführenden und die echte Kriegsbegeisterung der Massen erlebt hatte. Man müsse, so folgert er, die Empfindungen der einzelnen Menschen ändern, wenn sich die allgemeinen Verhältnisse bessern und die Grausamkeit des Krieges unterbunden werden soll. Ein Besuch in Rußland belehrte ihn, daß der sowjetische Kommunismus auf Grausamkeit und Haß beruhe. Rüssel lehnt jeden Glauben an irgend etwas ab, wofür es keinen vollgültigen Beweis gibt. Da auch der Kommunismus solch ein "phantastischer Glaube" sei, wurde für den englischen Skeptiker das Gefühl der persönlichen Einsamkeit immer stärker. Er nennt es tragisch; denn "in meinem ganzen Leben habe ich mir gewünscht, das Einswerden mit großen Massen zu erleben. Dadurch habe ich mir selbst etwas vorgemacht." Seit 1939 habe jedoch die "Qual der Einsamkeit" abgenommen durch Russells Übereinstimmung mit der Mehrzahl seiner Landsleute in wichtigen politischen Fragen.

In der gegenwärtigen Weltsituation sieht der Philosoph "Gründe für leise Hoffnungen", und zwar in der Angst vor der wissenschaftlichen Vernichtung der Erde. Obwohl es technisch möglich wäre, die Welt zu vereinigen, den Krieg und sogar die Armut abzuschaffen, bestehe ein Hindernis in den Seelen der Menschen: "Sie wünschen sehnlicher als ihr eigenes Glück das Elend ihrer Feinde." Doch "vielleicht jagt die Größe der Gefahr, durch Haß und Irrglauben eine noch nie dagewesene-Katastrophe auszulösen, der Welt eine solche Angst ein, daß sie wieder zu Verstand kommt."

J.J.