Er hat genug von alledem, übergenug, und er bedauert vor allem zwei "Gruppen" junger Männer, denen der algerische Krieg sehr schlecht bekommt: Die einen werden stumpf und nihilistisch, saugen sich voll von Mißtrauen und Haß gegen die Vorgesetzten, gegen den Staat, gegen die Politiker, die so viele Fehler machen, gegen die Ideale vaterländischer, humanistischer und christlicher Gesittung.

"Im Kriege", so sagte mein Student, "werden nämlich Recht und Unrecht, Tapferkeit und Feigheit, Schicksal und Zufall, Großherzigkeit und gemeine Grausamkeit, lärmendes, hochdekoriertes Startum und anonyme Kameradschaft, hohle Phrasen und mitreißende Parolen in ein und denselben Topf geworfen. Kein Wunder, wenn unkritischen Köpfen durch die Feststellung, daß alles erlaubt sei, was dem Feinde schadet, der Glaube und die Freude am ordentlichen Leben in die Brüche geht.

Die andere Gruppe derer, die ebenfalls verloren sind, geht aber von der gleichen Erkenntnis aus: "Es ist alles erlaubt, was dem Feinde schadet!", doch steigert sie diesen Satz zu dem Prinzip: "Alles ist erwünscht, was uns nützt!" und bald auch: "Alles ist vernünftig, was mich vorwärtsbringt!" Zu dieser Gruppe gehören Leute, die zugleich Gangster und ordengeschmückte Helden sind, gutmütig im Kameradenkreis, wenn sie nicht gerade besoffen sind, aber wehe, wenn sie Mißtrauen, Kritik oder gar Verachtung wittern! Dann schlägt ihre triefende Sentimentalität in bösartige Tyrannei gegenüber ihren Untergebenen und in äußerste Brutalität gegenüber den Feinden um, die ja offiziell als Rebellen bezeichnet werden, als Menschen, die "außerhalb des Gesetzes stehen".

Und bei alledem haben diese Typen eine ‚feine‘ Entschuldigung: die Fahne Frankreichs, an die sie glauben, flattert im Wüstensand über ihren Unta:en. Das Wort ‚Vaterland‘ ist ihr Alibi. Aber wenn der Frieden kommt – sei es als Befriedung, sei es als Verlust Algeriens – wird es katastrophal mit ihnen enden. Läßt man ihnen nämlich die Soldatenuniform, so werden sie die Ehre Frankreichs beschmutzen (denn es ist gar nicht anzunehmen, daß sie es zu braven Pensionären bringen könnten); schickt man sie jedoch ins Zivilleben zurück, so werden sie sich die Köpfe einrennen, indem sie ihre militärischen Gebräuche beibehalten, weil sie ja nichts anderes gelernt haben. Schon sind einige von ihnen die aus irgendeinem Grunde den Soldatenrock auszogen – zum Beispiel, weil sie weiterstudieren sollten – als Aktivisten in den Kadern der Rechtsradikalen untergetaucht, während bei den Kommunisten jene anderen ‚Kämpfer‘ Anschluß gefunden haben, die in Algerien zum Nihilisten gebacken wurden..."

Das alles sieht nun freilich nicht nach "neuer Bürgerlichkeit" aus, nicht nach Ordnung und Stabilität. "Es sind ja auch bloß die Extreme", erklärte mein Student, "es sind die radikalen Elemente, vor denen sich Frankreich fürchtet – und dies aus guten Gründen. Aber die meisten meiner Kameraden sind anderer Natur."

Schmutz des modernen Lebens

Zu dieser Natur gehört es offenbar, nicht von sich selber zu sprechen, so daß ich versuche, ihn von gleichgültigen Sachen erzählen zu lassen. Dabei öffnet er dann womöglich sein eigenes, so sehr verschlossenes Wesen ...