Seit es den Rundfunk gibt, geistern unsichtbare und unhörbare Wellen durch unsere Welt. Wir schätzen diese Wellen, weil sie uns mit den neuesten Meldungen, Musik und guter Laune versorgen. Da kommt aus Amerika eine Nachricht, die den guten Leumund der Radiowellen heftig verletzt.

Dr. Pearce Bailey, der Leiter des National-Instituts für Nervenkrankheiten und Blindheit in Bethesda (Maryland), hat dem amerikanischen Kongreß dieser Tage über seine Experimente mit Rhesus-Affen berichtet. Er war der Frage nachgegangen, ob elektromagnetische Wellen – zu denen die Rundfunkwellen ja zählen – die Gehirntätigkeit beeinflussen, wenn man sie mit einer Richtstrahl-Antenne auf bestimmte Hirnteile lenkt. Die bisherige Meinung darüber war: das können solche Wellen nicht. Baileys Versuche machten der schönen Illusion ein Ende. Zehn seiner Affen starben unter der mörderischen Wirkung einer Wellenstrahlung von 388 Megahertz auf einem Experimentierstuhl, ohne daß sie jemand körperlich berührt hätte.

Der Tod der Tiere trat jeweils nach vier Minuten unter allen Zeichen einer schweren Nervenschädigung ein. Die Antenne des tödlichen 100-Watt-Senders war 66 Zentimeter über den Köpfen der Affen montiert; der gerichtete Wellenstrahl hatte mit 388 Millionen Schwingungen je Sekunde den Hirnstamm der Tiere in der Längsrichtung durcheilt. Zehn weitere Affen, die Bailey der Wellenstrahlung kürzere Zeit aussetzte, erholten sich wieder, nachdem sie anfangs leichtere Symptome für Gehirnschäden hatten erkennen lassen.

Bailey gestand, daß er die Bedeutung seines unheimlichen Versuchs selber noch nicht ganz übersehen könne. Als Todesursache nimmt er einen Resonanzeffekt in den Nervenzellen an: Sobald die "Eigenschwingung" der Moleküle der Wellenfrequenz entspricht, "zerbrechen" sie. Eine solche Resonanzwirkung laßt sich an einer Stimmgabel demonstrieren. Wenn eine Tonquelle in ihrer Nähe den Kammerton "a" aussendet, schwingt sie mit und strahlt ihrerseits "a" aus, ohne selbst angeschlagen zu sein. Drastischer: Soldaten können eine Brücke einstürzen lassen, wenn sie im Gleichschritt darüber marschieren und der Rhythmus ihrer Schritte die Eigenschwingung der Brückenkonstruktion trifft. Bailey hofft, daß seine Versuche mithelfen werden, neue Methoden der Gehirnchirurgie sowie Schutzvorrichtungen gegen bestimmte Rundfunkwellen und Radarstrahlen zu entwickeln.

Nur wenige Wochen vor Baileys Enthüllungen hatte ein anderer amerikanischer Forscher, der Biologe John H. Heller und seine Mitarbeiter, einen interessanten, wenn auch weniger dramatischen Einfluß von elektromagnetischen Wellen auf Lebewesen nachgewiesen. Heller war durch den mysteriösen Tod eines kalifornischen Radartechnikers vor zwei Jahren zu seinen Versuchen angeregt worden. Auf dem Totenschein des Mannes hatte damals gestanden, er sei das Opfer einer allzu großen Hitzewirkung geworden, die der starke Radarstrahl in seinem Körper erzeugt habe. Heller glaubte nicht an diese Erklärung. Es schien ihm unwahrscheinlich, daß jemand innerlich verbrennen könne, wenn er von einem Radarstrahl getroffen wird. Er machte sich daran und untersuchte zunächst Kleinlebewesen. Es gelang ihm – mit allerdings wesentlich harmloseren Mitteln – eine "physikalische Methode zu finden, lebende Zellen und ihren Inhalt einschließlich der Chromosomen (den Trägern der Erbanlagen) zu manipulieren", wie er sich ausdrückt. Heller verwendete elektromagnetische Wellen zwischen 5 und 40 Megahertz Frequenz, die zwischen dem Ultrakurzwellen- und dem Kurzwellenbereich unserer Rundfunkempfänger rangieren. Mit ihrer Hilfe erzeugte er zwischen zwei Elektroden jeweils elektromagnetische Felder. Dann beobachtete er unter dem Mikroskop, wie sich zum Beispiel einzellige winzige Tierchen der Gattung Euglena benahmen.

Was er sah, war in der Tat sehr seltsam. Die spindelförmigen Wesen wimmelten nicht regellos durcheinander, sondern schwammen säuberlich ausgerichtet wie ein Wasserballett längs der unsichtbaren Kraftlinien zwischen den Elektroden hin und her. Es war, als hielten sie sich an bestimmte Bahnen wie die Wettschwimmer an die Korkseile im Schwimmbassin. Sie "wendeten" sogar zünftig am Ende der Schwimmstrecke, um sofort den gleichen Weg zurückzuschwimmen. Verkürzte Heller die Wellenlänge (erhöhte er die Frequenz), so merkten seine Versuchstierchen dies offenbar sofort. Wie von unsichtbarer Hand gelenkt, änderten sie ihren Kurs und schwammen nun rechtwinklig zu den Kraftlinien im Wassertropfen auf und ab. Heller fand heraus, daß seine Euglenen bei sechs Megahertz in Richtung der Kraftlinien schwammen, bei 15 Megahertz dagegen senkrecht zu diesen.

Aber damit nicht genug. Heller stellte fest, daß die Wellen auch wachsende Pflanzenwellen töten oder zu anomalem Wuchs zwingen konnten. Er konnte die Chromosomen aus den Wurzelzellen des Knoblauchs daran hindern, sich zu teilen. Teilten sich die Chromosomen nicht, so unterblieb auch die Zellteilung, und die Wurzelspitze wuchs nicht weiter. Schließlich konnte er durch Wellenbestrahlung all die klassischen Veränderungen an den Chromosomen herbeiführen, wie sie bisher nur durch die energiereichen Strahlen (Röntgen- und Gammastrahlen) und gewisse Gifte erzeugt werden konnten. Allerdings kam es darauf an, mit welcher Wellenlänge er arbeitete. Jede Zellart reagierte spezifisch. Darum sieht Heller in seiner Entdeckung auch mehr als nur eine akademische Spielerei. Einmal glaubt er, daß sie neues Licht auf den merkwürdigen "Radartod" werfen. Zweitens hofft er, mit ihr einmal eine Behandlungsmethode gegen den Krebs zu finden. Da die Krebszellen sich von den gesunden Körperzellen unterscheiden, gelingt es vielleicht, eine für sie tödliche Wellenlänge zu finden, die den gesunden Zellen nicht schadet und die auch keine Strahlenspätschäden befürchten läßt.

Beide Forscher, Heller wie Bailey, benutzten für ihre Versuche Radiowellen von einer Frequenz, die der öffentliche Rundfunk nicht verwendet. Insofern ist es unwahrscheinlich, daß Rundfunkhörer oder Angestellte eines Senders einmal Schaden erleiden sollten. Beim Funkverkehr der Flugzeuge untereinander und von Schiff zu Schiff, wo kürzere Wellenlängen üblich sind, könnte die Gefahr eher bestehen. Bailey ließ durchblicken, daß manches mysteriöse Flugzeugunglück vielleicht auf das Konto solcher Wellen käme. Er sagte: "Es heißt immer, daß solche Dinge bei den normalen Frequenzen nicht vorkämen. Aber es scheint jetzt so, daß sie nicht unmöglich sind, wenn bestimmte Wellenlängen benutzt werden und der Kopf des Piloten in einer kritischen Stellung zum Sender steht." Theo Löbsack