Die Nachricht, daß man in Bonn erwäge, die Buttereinfuhr im "kleinen Grenzverkehr" von jetzt ein Kilo je Person auf 250 Gramm herabzusetzen, hat den holländischen Mittelstand sofort dazu bewogen, in Den Haag zu intervenieren. Er wünscht, daß die holländische Regierung Gegenmaßnahmen androht, wenn die Verordnung (die auf Grund des Milch- und Fettgesetzes von 1951 nur vom Bundesrat, nicht aber vom Bundestag gebilligt werden müßte) erlassen würde.

Im Bundesernährungsministerium, in dem der Gedanke der Buttereinfuhrbeschränkung geboren wurde und für den 1. Juli erwogen wird, weist man darauf hin, daß Grenzgänger und einreisende Touristen im vergangenen Jahr aus Holland und Dänemark 12 000 Tonnen Butter in das Bundesgebiet "eingeschleppt" haben. Das sind 240 000 Zentner, die einer Ladung von 600 Güterwagen entsprechen. Nicht einmal die Hälfte dieser Menge, nämlich 5600 Tonnen oder 280 Güterwagen voll Butter, sind auf dem ordentlichen Handelswege aus Holland und Dänemark in das Bundesgebiet eingeführt worden.

Im Bonner Ernährungsministerium folgert man aus diesem Tatbestand, die von Bundesbürgern über die Grenze mitgebrachte Buttermenge entspreche nicht dem, was man noch unter "kleinem Grenzverkehr" verstehen könne. Auf den ersten Blick ist diese Argumentation bestechend, auf den zweiten weniger. An den Grenzübergängen zwischen Aachen und Elmpt, die der Oberfinanzdirektion Köln – einer von drei Oberfinanzdirektionen in Nordrhein-Westfalen – unterstehen, haben von Januar 1958 bis März 1959 17,8 Millionen Einreisende 10 Millionen Pfund Butter aus Holland mitgebracht und verzollt. Ihre gesamten Zollabgaben betrugen in der gleichen Zeit 11,5 Millionen DM – d. h. sie haben allein jenseits dieses etwa 100 km langen Grenzstreifens für mindestens 80 Millionen DM Ware, in der Hauptsache Lebensmittel, gekauft.

Von diesen 80 Millionen DM entfallen mit Sicherheit 20 Millionen DM – eher mehr denn weniger – allein auf den von Aachen aus mit der Straßenbahn zu erreichenden Grenzort Vaals (6000 Einwohner), in dem jede Woche mehr Butter umgesetzt wird als in Amsterdam. Das Zollamt Vaalser-Quartier, vor dem sich jeden Nachmittag die auf ihre Abfertigung wartenden Einkäufer mit prallgefüllten Taschen in Schlangen stauen, hat in der gleichen Zeit drei Millionen DM an pauschalierten Zollabgaben eingenommen.

Jenseits eines den Touristen weithin unbekannten Grenzübergangs bei Herzogenrath im Landkreis Aachen liegen 12 Häuser mit sechs Lebensmittelgeschäften. Jeder der sechs Kaufleute setzt monatlich im Geschäft mit deutschen Kunden mindestens 40 000 DM um. Die Stadt Venlo erlebt jeden Freitag und Samstag eine Einkäuferinvasion aus der Bundesrepublik von etwa 40 000 Menschen, die für durchschnittlich 15 DM je Person Ware mitnehmen. Venlo hat selber 40 000 Einwohner. Die Lebensmittelhändler der Stadt setzen wöchentlich also doppelt soviel um, wie es der Einwohnerzahl entspräche.

Was sagen diese wenigen amtlich belegten Zahlen aus? Sie zeigen, daß es ein Trugschluß wäre zu glauben, man könne mit einer Beschränkung der Buttereinfuhr die Einkaufsfahrten ins holländische Grenzgebiet eindämmen. Die Butter mag die attraktivste Ware sein, die drüben geholt wird, aber sie ist nur eine Ware von vielen.

Man hat vor vier Jahren die zollfreie Einfuhr von Kaffee unterbunden – die Einkäuferschlangen sind noch länger geworden. Man hat die Fetteinfuhr von fünf auf zweieinhalb Kilo beschränkt, die der Butter sogar auf nur ein Kilo, und dennoch ist die Zahl derer, die auf Ferienreisen oder Einkaufsfahrten Lebensmittel und andere Waren in Holland einkaufen und mit nach Hause bringen, immer weiter angestiegen. Die Zollverwaltung befürchtet, daß die Beschränkung der Buttereinfuhr auf 250 Gramm je Person die Zahl der Einkäufer noch ansteigen läßt. In Aachen und anderen Grenzorten erleben die Paß- und Ordnungsämter z. Z. eine Flut von Anträgen für Kinderpässe.