Es gibt bei uns nur drei politische Themen", pflegte man in Irland bis vor kurzem zu sagen: "Die Teilung des Landes, die gälische Sprache und de Valera Das Thema de Valera scheint nun ausdiskutiert zu sein. Irlands großer alter Mann, der vierzig Jahre lang die politische Schlüsselfigur auf der grünen Insel war, ist aus der aktiven Politik ausgeschieden. Jahrzehntelang hatte er zäh an der Macht festgehalten, weil er überzeugt war, daß sie ihm rechtens zukam – jetzt hat er sie an Jüngere weitergeben. Der 76jährige Ministerpräsident trat zurück, kandidierte für das Amt des Staatspräsidenten, das nach der irischen Verfassung "über den Parteien" steht und überwiegend repräsentativen Charakter hat, und gewann die Wahl mit klarem Vorsprung.

Sein letzter Wahlsieg, der das Problem de Valera auf so würdige Weise gelöst hat, blieb nicht ohne Bitternis für den großen Alten. Auch er hatte ja mit Sorge an die Zeit gedacht, da er die Zügel nicht mehr in der Hand halten würde. Er hatte deswegen versucht, durch Einführung des Persönlichkeitswahlrechts seiner Partei eine so starke Stellung im Parlament zu sichern, daß sie von Koalitionsabsprachen unabhängig würde. Im selben Wahlgang aber, in dem die Iren ihren Freiheitshelden auf den Präsidentensessel hoben, verweigerten sie ihm diesen Wunsch: Das Verhältnis Wahlrecht bleibt.

De Valera hat nie viel für Koalitionen übrig gehabt. Der Kompromiß war nicht seine Sache, und in der Tat hat er einige Male den Dail Eireann, das Abgeordnetenhaus, kurzerhand aufgelöst, weil er seine Politik nicht durch Zugeständnisse an Koalitionspartner verwässern lassen wollte. Das Finassieren, das Fintieren, die Umwege überhaupt – sie lagen ihm nicht. "Von Natur aus bin ich eigentlich gar kein Politiker", gestand er einmal.

Im Grunde ist de Valera auch fast ohne eigenes Zutun in die Politik geraten. Er gehörte nicht zu jenen, die schon in der Schule unter der Bank Machiavelli lasen. Als Student noch ließ er sich vom Kampfgeschrei der irischen Nationalisten in seinem stillen Arbeitszimmer nicht beirren. Er bereitete sich konzentriert auf den Lehrerberuf vor, an löste hingebungsvoll mathematische und physikalische Probleme, und er hat es in seiner Wissenschaft beachtlich weit gebracht. Zu den Legenden, die sich am seine Person ranken, gehört auch die, daß er zu jenem Dutzend Menschen gehöre, die Einsteins Relativitätstheorie wirklich verstehen ...

Zur Politik aber kam der große Ire, wie es manchmal bei Lehrern zu geschehen pflegt; durch die Beschäftigung mit Sprache und Volkstum. Er wurde Mitglied der Gälischen Liga, und 1913, als 31jähriger, trat er dem Irischen Freiwilligenverband bei, einer milizähnlichen Organisation junger Nationalisten, die für ein unabhängiges Irland kämpfte.

Der Kampf der Iren gegen die englische Herrschaft war schon Jahrhunderte alt. Immer wieder waren die Aufstände im Blut erstickt worden. In den Hungerjahren waren Hunderttausende gestorben, Millionen ausgewandert. Aber es gelang den Engländern nie, das Feuer der Rebellion auszutreten.

Ostern 1916, mitten im ersten Weltkrieg, erhoben sich die Iren aufs neue – und abermals schlugen die Engländer den Aufstand nieder. De Valera, dessen kleine Truppe den Stützpunkt Bolands Mill mit stoischer Tapferkeit verteidigte, war damals einer der letzten, der sich ergab. Er wurde zum Tode verurteilt, aber schließlich begnadigt, weil er – in New York als Sohn eines Spaniers und einer Irin geboren – die amerikanische Staatsbürgerschaft besaß. Er war der einzige Führer des Osteraufstandes, der am Leben blieb. Sein Name wurde fortan zum Symbol des irischen Freiheitskampfes,