Ein Interview mit Tennessee Williams

Von Kurt Singer

Tennessee Williams ist wohl der führende Dramatiker dieser unserer Welt im zwanzigsten Jahrhundert. In allen Ländern wird er gespielt. Der Film wartet auf jedes neue Stück von ihm. Manche Theaterkritiker sind skeptisch; und manche Literarhistoriker noch skeptischer. Aber die Leute, die Theater machen, und die, für die das Theater zum Leben gehört, fänden es schwer, eine andere Reihe von Dramen eines und des gleichen Autors dieser an die Seite zu stellen: "Die Glasmenagerie" – "Endstation Sehnsucht" – "Baby Doll" – "Die tätowierte Rose" – "Camino Real" – "Die Katze auf dem heißen Blechdach". Wie alle Stücke van Tennessee Williams, hat auch sein letztes – "Süßer Vogel der Jugend" – ein heftiges Pro und Kontra der Meinungen provoziert. Was ein solcher Autor zu sagen hat, erschien uns interessant genug, es unseren Lesern mitzuteilen.

Tennessee Williams ist ein sonderbarer Mann. Wenn er über seine Stücke redet oder darüber nachdenkt – das heißt also: beinahe immer – ist er ein ernsthafter Träumer. Er lächelt dann nur leise in sich hinein. Später, im Kreise seiner Freunde, dreht sich die ganze Gesellschaft um ihn. Er lacht laut, sein Witz sprüht, seine Sorgen scheinen verflogen.

Aber er hat die Angst nicht sehr weit hinter sich gelassen. Wenn er in seine Wohnung zurückkehrt, folgt sie ihm wie ein Schatten.

Wie andere, die mit der Angst leben müssen, findet Tennessee Williams zuweilen Erlösung im Alkohol. Damit soll nicht gesagt sein, er sei ein Säufer. "Ich bin noch nie wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen worden", sagt er und hat dabei wieder jenes leise Lächeln.

Aber etwas zu trinken muß er immer in seiner Nähe wissen, Tag und Nacht. "Die Vorstellung, in einem Zimmer zu schlafen, wo nicht irgendwo eine Flasche steht, fände ich ziemlich schrecklich", gibt er zu. "Es könnte ja immerhin sein, daß ich nachts aufwache und einen Schluck brauche."