Von René Drommert

Unverbindlich, ja fast abweisend wirkt es, wenn ein Künstler ein Dutzend Blätter, die er (in verkleinernden Reproduktionen) als Buch herausgibt, einfach "Zeichnungen" nennt wie

Klaus Bertelsmann: "Zeichnungen", mit einer Einführung von Professor D. Ernst Wolf; Verlag Ernst Kaufmann, Lahr; 32 S., 4,80 DM. Wäre das Buch nicht am Rande auch als Band der Reihe "Moderne christliche Kunst" gekennzeichnet, bei manchen Blättern wäre es wohl schwer, auf Anhieb zu sagen, daß es sich um Graphik in der geistigen Nähe der Bibel handelt. In feinnervigen, nervös schwingenden, schwebenden, sich dann aber wiederum energisch verdichtenden Strichen und Strichlagen gezeichnete Figuren wirken wie ein Mensch – und doch wiederum auch nicht. So ist zum Beispiel die Titelfigur des "Richtenden Engels" nicht lediglich die Umrißzeichnung einer Gestalt. Es ist auch nicht ihre "Andeutung", ihr flüchtiger Vermerk; eher die beharrliche Beschreibung ihrer Undefiniertheit als ihre aufdringliche, die Phantasie einengende Materialisation.

Klaus Bertelsmann, ein Möglichkeits-Fixierer mit der Zeichenfeder, hätte sein Ziel verfehlt, könnte man die Objekte seiner Blätter auf plumpe und von jeder geistigen Weiterwirkung entbindende Weise identifizieren. Zeichnungen, die nicht mehr wollen als solch eine Identifizierung ihrer Sujets, sind ja eigentlich keine künstlerischen Leistungen. Sie meinte Goethe, wenn er Illustrationen seiner Gedichte (etwa der Ballade "Der Fischer") als Mißverständnisse der Kunst verwarf. Mit Bertelsmanns Stil hätte er zufrieden sein können.

Diese Zeichnungen gehören (noch) zur gegenständlichen Kunst. Es sind freie, stark abstrahierende Zeichenstift-Paraphrasen biblischer Themen. Bei dem hier abgebildeten "Daniel in der Löwengrübe" sind zum Beispiel die Tiere mühelos zu erkennen. Daniel ist viel weniger "naturalistisch". Aber ich wage nicht zu sagen, das sei eine weit vorgeschrittene Abstraktion Daniels. Ich glaube eher das Umgekehrte: Der Zeichner hat das Stadium der beginnenden Konkretisierung Daniels fixiert, gleichsam die "Möglichkeit" Daniel Bild werden lassen. Diese Blätter gehören nicht zur frömmelnden Kunst. Ernst Wolf, der Göttinger Theologe, sagt, die Arbeiten kommentierend, in seinem gescheiten Vorwort: "Hinter ihrer Betrachtung rührt sich die Andacht". Vielfach bemüht sich heute die Kirche, Pakte mit der modernen Kunst zu schließen. Aber oft vertut sie sich dabei und gerät nicht an die schöpferischen Künstler, sondern an ihre Trabanten und Imitatoren – auch die vorjährige Ausstellung religiöser Kunst in Salzburg ließ diese Schwierigkeit spüren. Um so begrüßenswerter ist ein Graphiker vom Schlage des in Berlin (1924) geborenen, in Lüneburg ansässigen Klaus Bertelsmann: kein "Befehlsempfänger" der Kirche, sondem ein freier Bekenner christlicher Gesinnung. Mit jedem Strich, den er zeichnet, tut er, geduldig und unvoreingenommen, Kärrnerarbeit auf dem Wege möglicher religiöser Erneuerung.