Vor zwei Jahren wählte Indiens dreizehnter Bundesstaat kommunistisch – jetzt rebelliert das Volk

Von H. W. Berg

Trivandrum, im Juni

Die 45 Jahre alte Straßenfegerin, die bisher jeden Morgen den Bürgersteig vor dem Regierungsgebäude in Keralas Hauptstadt gesäubert hat, erschien auch heute pünktlich zur gewohnten Stunde an ihrem Arbeitsplatz. Aber statt die Straße zu kehren, legte sie sich quer vor dem Eingang zum Ministerium auf das Pflaster. Sofort legten sich andere Frauen und Männer neben die Straßenfegerin, und gemeinsam blockierten sie das Tor zum Regierungsgebäude in Trivandrum so lange, bis sie verhaftet’ wurden.

Diese seit Tagen vorbereitete Aktion war das Signal zum „gewaltlosen Widerstand“, mit dem eine Einheitsfront aller antikommunistischen Oppositionsgruppen die kommunistische Regierung des indischen Teilstaates Kerala aus dem Sattel heben will. 26 Monate lang haben die Kommunisten jetzt das ärmste Bundesland der Indischen Union regiert; sie hatten bei den Wahlen 1957 mit 35 Prozent aller abgegebenen Stimmen eine Parlamentsmehrheit von vier Sitzen gewonnen.

Akademiker als Taxi-Chauffeure

Jetzt, nach zweieinvierteljähriger kommunistischer Regierungszeit haben sich die damals hoffnungslos zersplitterten demokratischen Parteien zu einer antikommunistischen Einheitsfront zusammengeschlossen. Daß die Kommunisten in Kerala in einer freien Wahl zur Macht kommen konnten, hatte verschiedene Gründe. Das paradiesisch schöne Tropenland an der Malabarküste ist mit seinen 15 Millionen Einwohnern so dicht besiedelt wie Nordrhein-Westfalen; aber Kerala besitzt keinerlei nennenswerte Industrie, die Bevölkerung lebt im wesentlichen von Tee- und Kokosnußplantagen und vom Fischfang.