Von Hans Rothfels

Das Thema Krieg und Menschlichkeit ist sehr zerredet worden, und der Begriff der Menschlichkeit droht unter immer neuen Deklamationen und Feiertagsphrasen verschüttet zu werden. Es ist deshalb wohltuend, dazu die Stimme eines Historikers zu hören – eines Historikers vom Range des Tübinger Ordinarius für Mittlere und Neuere Geschichte, Professor Hans Rothfels. Rothfels spürt der Wechselwirkung von Krieg und Menschlichkeit von der Antike bis in die Gegenwart nach. Sein Aufsatz ist eine geschichtliche Standortbestimmung und zugleich ein Stück deutscher Selbstbesinnung.

Wie die meisten meiner Altersgenossen bin ich 1914 freudig in den Krieg gezogen, der für uns vor allem Verteidigung der Heimat war oder uns elementar so erschien; mit nicht allzu vielen anderen bin ich übriggeblieben von jener Studentengeneration, für die einer der Freiwilligen von Langemark stellvertretend geschrieben hat: man betrachte das eigene Leben als verwirkt und lebe das eine unsterbliche Leben der Nation.

Es tut dem Glanz und der Echtheit dieses Wortes keinen Eintrag, wenn man sofort hinzufügt, daß es von heutigen jungen Menschen kaum noch so empfunden oder nachgesprochen werden kann. Es ist historisch, also einer besonderen politischen, kulturellen und sozialen Lage zugehörig, in der nach über vierzigjährigem Frieden auf dem europäischen Festland die Regierungen und Diplomaten aller beteiligten Völker sich mehr oder weniger widerstrebend in Krieg verwickelt sahen – in ihn "hineinschlidderten" nach dem Worte Lloyd Georges, während die Völker selbst, und zwar in ihren breitesten Schichten, so seltsam uns das heute erscheinen mag, ihn mit einem hohen Maß von Begeisterung auf sich nahmen.

Krieg und Menschlichkeit also – der Historiker hat von seiner Wissenschaft her besonderen Anlaß, dem Wandel nachzudenken, der in den Ursachen, den Erscheinungsformen, dem Wesen des Krieges und seinem Verhältnis zur Forderung des Humanen durch die Jahrhunderte sich vollzogen hat. Einen Wandel insbesondere während der eigenen Lebensspanne, der die 1914 in manchen Kreisen noch fortgeisternden Vorstellungen vom frischen, fröhlichen Krieg oder vom Stahlbad endgültig hat versinken lassen und der in unseren Tagen einen nun vollends total, ja selbstmörderisch werdenden Krieg als Mittel der Politik schlechterdings ausschalten muß, es sei denn, sie fasse die Vernichtung nicht nur aller Menschlichkeit, sondern der Menschheit selbst ins Auge.

Aber bei allem Wandel wird man nicht übersehen dürfen, daß das Spannungsverhältnis zwischen den beiden Begriffen Krieg und Menschlichkeit ihrem Wesen nach gegeben ist, daß wir in unserer Zeit nur seine äußerste Zuspitzung erfahren haben oder als Drohung vor uns sehen, daß also in diesem Spannungsverhältnis eine uns aus der Geschichte angehende und nur immer schärfer gewordene Herausforderung liegt – um so schärfer, je tiefer die Einbrüche des Krieges, aber auch der Politik, die ihm voranging und seit 1933 entscheidend Gestalt gewann, in den Bereich des Humanen gewesen sind.

Ich möchte den angedeuteten Gedankengang mit einigen historischen Rückgriffen unterbauen und insbesondere mit der Unumwundenheit, die der Ernst des Themas fordert, den Wandel kennzeichnen, der in unserer eigenen Epoche eingetreten ist – durch die Offenlegung des Unmenschlichen in einem Maße, wie es die Geschichte in ihrem trüben Unterstrom kaum je hat erkennen lassen.