O. S., Ankara, im Juni

Als kürzlich ein türkischer Minister einen neuen Staudamm in Anatolien einweihte, sagte er: "Dies ist der längste Damm in Europa." Wer sich an die allgemein anerkannte geographische Einteilung der Welt hält, wird sich wundern, wieso die Türkei – ganz zweifellos seit Jahrtausenden ein Teil Asiens – nun plötzlich zu Europa gehört.

Da kann man einmal sehen, wie der politische Wille imstande ist, Berge zu versetzen und die Grenzen von Erdteilen zu verschieben. Die Avantgarde der jungen türkischen Generation, die in London, Paris, in USA und an den Universitäten der Bundesrepublik erzogen wird, empfindet sich nicht nur dem Westen, sondern ganz speziell Europa zugehörig. Als kürzlich die Amerikaner in Ankara eine Ausstellung, die auch die Türken beschickt hatten, als "Asiatisches Glas" plakatierten, hat dies viele Leute in der türkischen Hauptstadt sehr geärgert. Und bis heute ist die Bemerkung des Bonner Oberbürgermeisters nicht vergessen, der im vorigen Jahr bei seiner Ankunft sagte: "Ich freue mich, den Boden Asiens zu betreten."