Von Max Rychner

Hoch in Jahren schon hat Otto v. Taube eine Rede über Die Göttliche Komödie als dichterisches Kunstwerk gehalten, die in die Weite drang und Hörer wie Leser bewegte. Darin wird eine lebenslange, ehrfürchtige Liebe zu Dante ihrer Einsichten in das Sprachkunstwerk gewiß, das mit keinem andern vergleichbar ist.

Spät erst haben außerhalb Italiens Dichter zu Dante gefunden: George und Borchardt sind bei uns Beispiele dafür, welche Spannkraft nötig ist, um diese Größe auszuhalten, im angelsächsischen Kreis Ezra Pound und 7. S. Eliot, die beiden Amerikaner, die sich zu Europäern gemacht haben. Es sei hier ein Wort Otto v. Taubes hergesetzt, das die Grundhaltung Dantes kennzeichnet, das aber, was es an Einsicht faßt, nur aus gleichartiger eigener Haltung empfangen konnte: "Dantes Dichtung dient."

Das mußte ihm aus der Seele gesprochen sein, in der Jugend schon, und nun im Alter wiederum, wo er auf steigenden Stufen zu einer höher gestimmten Auffassung des Dienens gelangt ist. Als Knabe hat er in seiner estländischen Heimat als Balte noch das breite Dasein auf adligem Grundbesitz kennengelernt: in großer Natur, in großer Einsamkeit, Dienst des zahlreichen Gesindes – und Gegendienst der Herrschaft durch patriarchalische Fürsorge und Sicherung der Erdentage. Felder, Wälder, Gemüsepflanzungen, Vieh und Pferde: eben noch ergab das eine in sich ruhende Ordnung, die wenig auf die Umwelt angewiesen schien – bis diese dann sie mit einem Griff überwältigte.

Abschied aus angestammter Welt: der Knabe konnte sein Gewicht noch nicht erwägen wie später der Mann, in dessen späten Jahren das Motiv des Abschieds dann so tragisch Gewalt über ihn ausübte, als sein Sohn in den Tod, seine Gattin in unheilbare Krankheit entrückt wurden.

Einem von Natur aus hellen Menschen ist das zugeteilt worden, der in dem Band Wanderjahre seinen Eintritt in die westliche Welt sich und uns vergegenwärtigt, die Studienzeit, die er an deutschen Universitäten und in Genf verbrachte, die Begegnungen mit Menschen, von denen er keinen vergessen hat. Sein guter baltischer Kopf verlangte nach vielem: nach abgeschlossenem juristischem Studium wurde das der Kunstgeschichte durchgeführt; es folgte einige Zeit am Goethe-Museum in Weimar. Ein Leben "im Sinne der Wanderer" entfaltete sich, Provinzen des Geistes, die Länder Europas wurden erwandert.

Der Osten, der romanische Süden, das sind Taube überkommene und erwanderte Lebensbereiche; was dazwischen liegt, unsere Landstriche, ihre Geschichte, ihre Wesensarten nicht minder, sondern eher mehr, doch das versteht sich wie das Moralische, und als solches, von selbst.