Der Einfluß der politischen Ereignisse hat seit Anfang dieses Monats ständig zugenommen. Die ergebnislosen Verhandlungen und die Vertagung der Genfer Außenministerkonferenz ließen vor allem die ausländischen Anleger immer mehr zögern. Während zu Beginn der Konferenz die amerikanischen Aktienkäufer ihren Optimismus auf die deutsche Börsenentwicklung übertrugen, fielen sie in den letzten Tagen als Käufer weitgehend aus. Allerdings kam es auch nicht zu größeren Verkäufen. Immerhin bewirkte die Zurückhaltung, daß die Kurse an einzelnen Tagen zumeist einige, Punkte einbüßten. Wird gegen Ende dieses Monats Bilanz gezogen, dann ergeben sich gerade bei den internationalen Werten Kursrückgänge von 20 bis 40 Punkten. Bei der Badischen Anilin- und Sodafabrik und bei den Farbwerken Hoechst betrugen die Einbußen etwas mehr, als 20 Punkte. Insgesamt gesehen zeigt sich der deutsche Markt jedoch gegenüber den ausländischen Einflüssen sehr stabil, ein Zeichen, daß die deutschen Anleger durchaus Zutrauen zur weiteren Aktienentwicklung haben. Die in Berlin beheimateten Werte, wie Bekula, Schultheiss und Schering, konnten zwar ebenfalls ihren Höchststand vom Anfang dieses Monats nicht halten, doch hielten sich die Rückgänge in Grenzen, so daß von einer allgemeinen Nervosität oder gar einer allgemeinen Verkaufsstimmung keineswegs gesprochen werden kann.

Die Flüssigkeit am Geldmarkt und die Bildung neuen Sparkapitals, das auch am Aktienmarkt Anlage sucht, halten unvermindert an, während größere Aktienemissionen noch immer nicht in Aussicht stehen. Von der rein markttechnischen Seite her ist also der grundsätzliche Optimismus der deutschen Anleger durchaus gerechtfertigt. Wenn dennoch viele Anleger heute zögern und ihren ursprünglichen Vorsatz, an politisch kritischen Tagen eintretende Kursrückgänge auszunutzen, nicht in die Tat umsetzen, so beruht dies vor allem darauf, daß die innerpolitischen Auseinandersetzungen zwischen dem Kanzler und seinem Wirtschaftsminister irritieren. Das mag falsch sein, zumal die Nachrichten aus der Wirtschaft im allgemeinen günstig sind. Sogar die Textilindustrie meldete höhere Aufträge und bessere Beschäftigung, was bereits in den Kursen der von der Börse bevorzugten Textilwerke zum Ausdruck kam. Die Baumwollspinnerei Erlangen-Bamberg, die ihre Dividende für 1958 von 11 auf 12 v. H. heraufsetzte und offene Rücklagen in Höhe des Aktienkapitals aufzuweisen hat, stieg in wenigen Wochen von 325 auf etwa 400 v. H., ein Kurs, der bei diesem beliebten Textilwert noch immer interessant erscheint. Auch die Vereinigten Rumpuswerke, in deren Kurs ein Bezugsrecht im Verhältnis 4:1 zu 100 v. H. im rechnerischen Wert von etwa 25 v. H. enthalten ist, sind bei 220 bis 230 v. H. und 9 v. H. Dividende Beachtung wert. Allerdings sollte der Anleger sich davor hüten, sogenannte "billige" Textilwerte nur deshalb zu kaufen, weil ihre Kurse unter oder etwa an der 100 v. H.-Grenze liegen. Die Beschäftigung in den einzelnen Unternehmen ist recht unterschiedlich, und auch die auftragsgünstigeren Gesellschaften ziehen nur ungern längerfristige Schlüsse aus der zur Zeit etwas gebesserten Auftragslage am Textilmarkt.

Außer den Bezugsrechten aus der Kapitalerhöhung der Vereinigten Rumpuswerke werden in nächster Zeit einige interessante Kapitalerhöhungen durchgeführt. Der Handel in den Bezugsrechten der Rud. Karstadt AG findet am 30. Juni und am 1. und 2. Juli statt. Rechnerisch stellt sich der Wert des Bezugsrechtes (6:1, Emissionskurs 100 v. H.) auf etwa 105–110 v. H. beim heutigen Kursstand. Das Angebot an Karstadt-Bezugsrechten wird voraussichtlich nicht sehr groß sein, jedoch wird es sehr wahrscheinlich das Angebot an Bezugsrechten der Dortmunder Union-Brauerei-Aktien noch immer beträchtlich übertreffen. An und für sich sind für den Anleger Bezügsrechte und der Erwerb von jungen Aktien über diese Bezugsrechte nur dann interessant, wenn die Aktienemission der Gesellschaft den Markt belastet und der Kurs dadurch gedrückt ist. Zumeist ist es jedoch eine Gelegenheit, solche Aktien in größerem Umfang zu kaufen, die üblicherweise nur sehr selten angeboten sind.

Die jüngste Marktsituation wäre nur unvollständig beschrieben, wenn nicht die vielen Sonderbewegungen der letzten Zeit Erwähnung fänden. Der überraschende Anstieg der Deutschen Erdöl-Aktien hat bereits Ende letzter Woche vorerst ein Ende gefunden, jedoch gibt es zu denken, wenn eine sonst ruhige Aktie völlig außerhalb der Tendenz, bei sehr lebhaften Umsätzen überdurchschnittlich steigt. Der Anstieg der Zellstoff-Aktien hat gezeigt, daß die Aktionäre Geschäftsberichte sehr gründlich zu lesen verstehen. Die Verlagerung des Schwergewichts dieser Gesellschaft vom Zellstoffverkauf zur Papier- und Pappeherstellung und -verarbeitung hat allgemeine Beachtung gefunden. Bemerkenswert ist, daß die NSU-Aktie wieder einmal während einer Periode sonst rückläufiger Kurse angestiegen ist. Die Börse vermutet seit langem Aufkäufe. So konnte die Nachricht, daß die Kleinwagen-Produktion in letzter Zeit erheblich zurückgegangen ist, auf NSU, die ja auch einen Kleinwagen produzieren, keinen Einfluß haben.

Für den Anleger, der sich für ausländische Werte interessiert, erscheinen zur Zeit wieder holländische Aktien attraktiver. Auch in Holland sind die amerikanischen und deutschen Käufe in den letzten Wochen ausgeblieben. Im Gegensatz zum deutschen Aktienmarkt haben aber die Anleger in Amsterdam ihre eigenen Kurse nicht stabil erhalten können, so daß zum Teil erhebliche Einbußen hingenommen werden mußten. Die nachfolgende Erholung hat nicht ausgereicht, um eine wesentliche Kursbesserung wieder herbeizuführen. Unilever und holländische Bankaktien könnten in diesem Zusammenhang genannt werden. Mei.