Im Gegensatz zu anderen bedeutenden Unternehmen der Montan-Industrie werden die Rheinischen Stahlwerke, Essen, ihre durch die 1957 beendete Neuordnung erhaltene Unternehmensstruktur nicht mehr ändern. Von der bis Jahresende noch bestehenden Umwandlungsmöglichkeit der selbständigen Tochtergesellschaften in Betriebsabteilungen der jetzigen Holding wird Rheinstahl keinen Gebrauch machen. Allerdings hofft die Verwaltung, daß ihr aus ihrem überzeugten Bekenntnis zum Dezentralisierungsprinzip keine Nachteile entstehen werden. Die Frage wird also sein, ob die Holding als Organträger anerkannt bleiben wird, oder ob das Unternehmen eines Tages gezwungen sein würde, den Schleier des Geschäftsgeheimnisses der – juristisch selbständigen – Organtöchter weiter lüften zu müssen, als es heute üblich ist und für vertretbar gehalten wird. "Wir würden es für unsere Gesellschaft sowohl vom betriebswirtschaftlichen als auch vom sozialen Standpunkt aus als Rückschritt betrachten, wenn wir zu einer zentralisierten Organisationsform gezwungen würden", lautet der Standpunkt der Konzernverwaltung.

Während bei anderen Montanunternehmen, die bereits umgewandelt haben, oder im Begriffe stehen, es zu tun, das Argument der Steuereinsparung stark im Vordergrund steht, wird bei Rheinstahl dieser Grund nicht als zwingend für eine weitere Konzern-Konzentration angesehen. Die Vorteile einer delegierten Verantwortung könnten nicht aufgewogen werden. Bei Rheinstahl habe sich die dezentralisierte Unternehmensstruktur voll bewährt, sagte Dipl. Kfm. Werner Söhngen.

In einer anderen Richtung allerdings wird sich vermutlich in nächster Zeit das Bild des Konzerns verändern. Werner Söhngen bestätigte das bisher nur vermutete Interesse des Rheinstahl-Konzerns an den beiden Edelstahl-Erzeugern Stahlwerke Südwestfalen AG und Gußstahlwerk Witten AG. Beide Unternehmen hatten bisher noch nicht den Anschluß an die "Re-entflechtung" gefunden, aber in beiden Fällen sind auch die Börsengerüchte nie verstummt, denen zufolge die hohen Kurse von Interessenkäufen bestimmt sind. Mindestens im Hinblick auf Südwestfalen wurde von einem Wettlauf zwischen Rheinstahl und Friedrich Flick gemunkelt, aus dem nun tatsächlich Flick als vorläufiger Sieger hervorgegangen ist: Bei Südwestfalen verfügt er nach den Angaben von Rheinstahl über die Mehrheit und bei Guß Witten über 18 v. H. des Kapitals. Aber offenbar hält Friedrich Flick diese Stahlbeteiligungen, die vor allem wegen seines Engagements in der Automobilindustrie gut in seinen eigenen Konzern passen würden, nur als Faustpfand für eine Vergrößerung seines Einflusses bei der Dynamit AG vormals Alfred Nobel & Co. Troisdorf. Bei diesem Unternehmen ist Rheinstahl seinerseits neben der Schweizer Oerlikon-Gruppe mit 32 v. H. des AK beteiligt, während Flick im vergangenen Jahr trotz eines erheblich kleineren Dynamit-Paketes bereits den Vorsitz im Aufsichtsrat dieser Gesellschaft übernommen hatte.

In der Rheinstahl-Pressekonferenz wurde jetzt zugegeben, daß Verhandlungen zwischen Flick und der Rheinstahl-Gruppe bezüglich eines Pakettausches Südwestfalen und Guß Witten gegen Dynamit Nobel aufgenommen worden seien. Der Aufsichtsrat der Rheinischen Stahlwerke sei allerdings damit noch nicht befaßt worden, hieß es in Essen. Es sei auch noch keine restlose Klärung aller Rheinstahl interessierenden Fragen erfolgt. "Wenn wir eine Beteiligung erwerben" – so betonte Söhngen – "dann müssen wir auch unsere unternehmerischen Ziele durchführen können."

Wenn diese Transaktion mit der Flickgruppe zustande käme, und es kann wohl davon ausgegangen werden, daß sie durchgeführt wird, würde sich das Schwergewicht des Rheinstahlkonzerns wieder zur Montanseite hin verlagern. Ob damit auch gleichzeitig die Abkehr von der Chemie, die von der Verwaltung nach wie vor als hochinteressantes Betätigungsfeld für Rheinstahl bezeichnet wird, besiegelt sein soll, ist noch nicht gesagt. Jedenfalls dürften aber in der Konzernspitze wohl keine Neigungen vorhanden sein, den Rheinstahlkomplex nach der Verarbeitungsseite hin zu vergrößern. Das Unternehmen denke gar nicht daran, sich weiter auszudehnen, hieß es in der Pressekonferenz.

Die in der Rheinstahlgruppe angestrebte und erreichte "breite Streuung des Risikos" hat sich auch im Geschäftsjahr 1958 wieder bewährt. Während der Vorjahresabschluß noch deutliche Spuren der Verschmelzungen des Jahres 1957 aufwies, ist der Bericht über das Jahr 1958 der erste seit der Währungsreform, der frei von Sondervorgängen ist und daher ausschließlich ein Spiegelbild der normalen Geschäftstätigkeit im Berichtszeitraum darstellt. Die Unternehmensgruppe der Weiterverarbeitung war im vergangenen Geschäftsjahr ganz eindeutig der Stabilisierungsfaktor des Konzerns.

Der Rheinstahlumsatz blieb dennoch mit 2,66 (2,8) Mrd. DM um 4,9 v. H. unter der Vorjahrsziffer. Aber die Umsatzrückgänge der Rheinstahl-Bergbau auf 294,1 (328,9) Mill. DM, der Ruhrstahlgruppe auf 476,2 (564,6) Mill. DM, und der Gießereigruppe auf 591,1 (693,2) Mill. DM konnten durch gute Verkauferfolge in den Verarbeitungs-Unternehmen des Konzerns und beim Handel weitgehend kompensiert werden. Die Verarbeitungsgruppe erzielte einen Umsatz von 968,6 (901) Mill. DM und der Handel 334,9 (314) Mill. DM. Der Exportanteil am Gesamtumsatz stieg auf 24,3 (20,9) v. H. Der Konzernumsatz ist mit weniger als 300 Mill. DM in der Gesamtzahl enthalten.