Die Ferienreisenden, die nach langer Fahrt endlich den Sackbahnhof Oberstdorf im südlichsten Winkel des Allgäus erreicht haben, schütteln verdutzt den Kopf. Saßen wir im falschen Zug? fragen sie sich und zweifeln einen Augenblick, ob sie tatsächlich in Sommerferien gefahren sind. An allen Straßenkreuzungen leuchtet ihnen der weißblaue Wegweiser "Eisstadion" entgegen, an der Litfaßsäule wird ein Eishockeyspiel Füssen gegen Mannheim angekündigt, und über den Marktplatz trippelt gar eine Schar munterer Teenager mit schwingenden Petticoatröckchen und – Schlittschuhstiefeln. Der Anachronismus ist zur Fremdenverkehrsattraktion geworden.

Im Winter ist das Eislaufen selbstverständlich. Dieses Vergnügen aber den Sommergästen zu bieten – das wäre ein Schlager, dachten die Oberstdorfer vor Jahren schon. Jetzt ist es soweit: Oberstdorf hat eine Sommereisbahn. Das Thermometer zeigt fast 30 Grad im Schatten und man geht zum Schlittschuhlauf.

Um richtig ermessen zu können, was hier ein Ort mit 10 000 Einwohnern geschaffen hat, muß man wissen, daß es in ganz Europa bisher nur zwei Kunsteisstadien gab, in denen man auch im Sommer auf Eis gehen kann: in der Millionenstadt London und im Olympiaort Cortina d’Ampezzo.

Wo die komplizierten Pläne der "Eismaschinen" verwahrt sind, steht das Schild: "Betreten und Photographieren der Baustelle verboten." An den Tribünen wird noch gebaut. Es soll ein Stadion für 12 000 Menschen werden. Über die Eisfläche hat man ein riesiges Zeltdach – 72 Meter lang, 40 Meter breit und 17 Meter hoch – gestülpt, welches die dem Eis unzuträglichen Sonnenstrahlen und warmen Regengüsse abfängt und trotzdem den Blick auf die blühenden Allgäuer Bergwiesen freiläßt. Da man in Oberstdorf genau weiß, daß kaum jemand im Sommer Schlittschuhe im Reisegepäck hat, werden sie an Ort und Stelle ausgeliehen.

In Oberstdorf ist auch der erste Curling-Klub in Süddeutschland gegründet worden. Das Spiel mit den aus Schottland importierten steinernen "Bettflaschen" kommt immer mehr in Mode, und Oberstdorf will es sogar soweit bringen, daß man auch im Sommer curlen kann.

Aber unter den Sommerfrischlern und Kurgästen sind schließlich nicht nur Wintersportler. Mit ihnen allein hätte es Oberstdorf im vergangenen Jahr nicht auf 1 111 177 Fremdenübernachtungen gebracht, womit es knapp hinter Bad Reichenhall und Garmisch-Partenkirchen an dritter Stelle in der Rangliste der bayerischen Kurorte liegt. Es hat noch einen sicheren Trumpf: Straßen in seiner Umgebung, die für Fahrzeuge mit mehr als zwei Pferdestärken gesperrt bleiben und dem Wanderer sowie dem guten alten Stellwagen vorbehalten sind. Sie führen in die Hochgebirgstäler von Einödsbach, Spielmannsau und in das Oytal. Das ehrbare Gewerbe der Lohnkutscherei hat hier noch seine Pfründe. Die Zahl der mit weißblauen Markisen ausstaffierten Stellwagen, in denen der gehetzte Zeitgenosse so beschaulich wie im Postkutschenzeitalter durch die Landschaft fährt, wurde wegen der großen Nachfrage von 16 auf 18 erhöht. Doch auch hier ist der Fortschritt unverkennbar: Die neueren Modelle rollen auf Pneus. Gert Kreyssig