A.W.A., Berlin

Zum zehnten Male will das "Hilfswerk Berlin" in diesem Sommer wieder 45 000 Westberliner Kindern in der Bundesrepublik jenen "Platz an der Sonne" verschaffen, den sie auf der übervölkerten Insel vergeblich suchen. Zwar werden ihre 300 000 sechs- bis achtzehnjährigen Altersgenossen keineswegs alle zu Hause bleiben; es gibt nicht wenige Berliner, die sich einen Familienurlaub auf eigene Kosten durchaus leisten können. Aber gerade die 45 000 Blaßgesichter, die jetzt westlich der Zonengrenze Ferien machen sollen, wachsen zum größten Teil in den luft- und lichtlosen Mietskasernen des Berliner Nordens auf und hätten normalerweise kaum eine Chance, jemals nach Westen verreisen zu können – wenn nicht, wie jetzt wieder, die öffentliche Hand und die vielen privaten Hände mitfühlender Menschen helfend zugreifen.

Indes, auch östlich der Sektorengrenze gibt es "gute Freunde", die – so tönte Walter Ulbricht kürzlich – "sich um das Wohl und Glück auch der Kinder in Westdeutschland und Westberlin sorgen". Die SED-Aktion Frohe Ferien für alle Kinder, die in diesem Jahr mit großem Propagandaaufwand 15 000 verlockend billige Ferienplätze für Westberliner Kinder in den Erholungsgebieten Mitteldeutschlands angeboten hat, konnte vor einigen Jahren noch gewisse Erfolge verzeichnen. Inzwischen aber haben sie einen guten Teil ihrer Anziehungskraft verloren.

Während 1956 immerhin 11 000 Kinder aus der Bundesrepublik gutgläubig in die halbmilitärischen Ferienlager der FDJ gefahren waren, wo Schießen und Handgranatenwerfen "Dienst" sind, verringerte sich diese Zahl schon 1957 auf 7100. Im vergangenen Jahr fiel sie dann auf 6200. Dieses Jahr ist das Interesse an den roten Schulungskursen bei den westdeutschen Eltern noch weiter gesunken: Viele von ihnen hatten erkennen müssen, daß ihre Kinder kommunistisch beeinflußt aus den östlichen Ferienlager zurückgekommen waren.

Daß genau diese Wirkung in der Absicht der Pankower "Ferienonkels" lag, hatte Karl Schirdewan, damals noch Mitglied des SED-Politbüros, schon vor vier Jahren unverblümt ausgesprochen. "Wir zweifeln nicht", so erklärte er im August 1955, "daß die westdeutschen Kinder in ihren Familien, in den Schulen, unter ihren Spielgefährten, ihren Freunden und Kameraden über ihre Erlebnisse berichten werden und die Sehnsucht aller Kinder der Werktätigen in Westdeutschland nach unserer Arbeiter- und Bauernmacht wecken. Vor ihnen steht die große Frage: Warum können wir nicht auch in Westdeutschland solche Verhältnisse haben?"

Seit jener Rede Schirdewans ist im Westen freilich manches geschehen, was die Eltern davor bewahrt, ihre Kinder leichtfertig den biedermännisch auftretenden Werbern aus Pankow auszuliefern. Vor allem haben die Bundesländer von Jahr zu Jahr mehr Erholungslager für Kinder minderbemittelter Eltern eingerichtet. Die Zahl der Ferienfreiplätze für Berliner Kinder, die von privater wie kommunaler Seite finanziert werden, ist seit Mitte dieses Monats sprunghaft angestiegen. Der Berliner Senat stellte aus dem Haushalt des Jugendsenators insgesamt drei Millionen Mark für Erholungsaufenthalte in der Bundesrepublik und im westlichen Ausland zur Verfügung; 14 000 Jugendliche sollen davon profitieren. Weitere 1,3 Millionen Mark wurden für Jugendfahrten, Jugendtreffen und Ferienlager bereitgestellt. Und das "Hilfswerk Berlin" ist besonders aktiv geworden, um weitere Finanzquellen zu erschließen.

Noch immer gibt es Berliner Kinder, die bis heute nicht ein einziges Mal aus den Westsektoren herausgekommen sind. Ihnen zu helfen, in den Sommerferien die Barrieren zu übersteigen, ist der Sinn der Aktion "Platz an der Sonne". Im Fernsehen wird Jochen Richert (der Lenker der Glückskarosse", der in den letzten drei Jahren acht Millionen Mark für die Ferienaktion eingespielt hat) wiederum eine Lotterie für das "Hilfswerk Berlin" aufziehen. Im übrigen können Spenden "für die Verschickung Berliner Kinder" auf das Postscheckkonto Hamburg 100 000 (Fernsehlotterie) oder Frankfurt am Main 1390 (Hilfswerk Berlin) eingezahlt werden.

So viele Bemühungen, so viel guter Wille allerorten – da muß auch in diesem Jahr wieder das Werk gelingen. Tausende von Berliner Jungen und Mädchen werden wieder ihren "Platz an der Sonne" bekommen – dort, wo es keine Sektorengrenzen gibt, keine schikanösen Kontrollen und keine Warntafeln mit der Aufschrift: Vorsicht! Sie verlassen jetzt Westberlin!