/ Von Josef Müller-Marein

Mit einem jener Studenten neuen Schlages, die den "Existenzialisten" unter ihren Kommilitonen nur ein Lächeln entgegenbringen, wie man es für eine nette, aber überflüssige Sache übrig hat, bin ich das linke Seine-Ufer abwärts spaziert, wobei wir an der Bücherkiste manches Bouquinisten stehenblieben, um in den feilgebotenen Schätzen alter Schmöker und Zeichnungen zu wühlen.

Mein Student entsprach einem Typus, den ein in Paris lebender deutscher Schriftsteller mit dem Wort "Hochleistungsfranzose" bezeichnet hat. Dazu braucht es eine mittelgroße, nicht zu schlanke, aber keineswegs fette Gestalt – "gut durchwachsen": das ist wohl der richtige Ausdruck. Das Haar darf nicht pomadig, muß aber dennoch exakt gescheitelt sein. Überhaupt muß der ganze Mann den Eindruck von Gelassenheit und Sauberkeit machen. Seine Augen, denen eine Brille – und seien es Sonnengläser – vortrefflich ansteht, blicken ruhig und kühl; es muß gelegentlich Ironie, es kann aber auch Humor in ihnen schimmern.

Oft aber hat man den Verdacht, es sei eine Art unsichtbarer Glasglocke über den Mann gestülpt. Man vermutet Arroganz. Doch das ist ein Irrtum. Es handelt sich vielmehr um jene Sorte von Zerstreutsein, die in Wirklichkeit Konzentration ist. Sobald man nämlich den "Glassturz" zerschlägt – wozu manchmal nur ein einziges kleines, kritisches Wort genügt –, erwacht der Mann zu einer sachlich gesteuerten Aktivität.

Alle Tage im Sonntagsanzug

Andere junge Männer sieht man, wie sie, an die Quaimauer der Seine gelehnt, ihre Mädchen umarmen – das tut er nicht. Aus den Rocktaschen anderer Männer ragen Zeitungen hervor – er hat eine leichte, elegante Ledermappe. Andere haben sich aus Hosen, deren Röhren nach unten spitz zusammenlaufen, und einem andersfarbigen Jackett einen Individualanzug zusammengestellt – er geht am liebsten in bürgerlich uniformem Dunkelblau, das man am Tage wie am Abend, im Büro wie im Konzert, auf der Straße wie bei einer Party tragen kann: keine Zeit zum Umkleiden. Was den deutschen Schriftsteller, der diese Einzelheiten zur Schilderung des "modernen Erfolgsfranzosen" zusammentrug, höchstlich bei alledem verwunderte, ist die Beobachtung, daß auf dem alltäglichen blauen "Sonntagsanzug"niemals – wie doch sonst bei blauem Tuch so leicht – ein Stäublein oder ein Haar haftet, obwohl eine Taschenbürste offenbar nicht zu den Utensilien jener außerordentlichen jungen Männer gehört, die, wie ich hinzufügen möchte, allesamt eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Politiker Gaillard haben.