Von Francesco Kneschaurek

New York, Ende Juni

Die Verhandlungen über die Erneuerung des Arbeitsvertrages in der amerikanischen Stahlindustrie – die nun schon seit über sechs Wochen im Gang sind –, haben bisher nicht zum geringsten Erfolg geführt. Die aus je vier Vertretern der Unternehmer und der Gewerkschaft bestehenden Verhandlungsdelegationen haben sich in ihre Positionen so verbissen, daß die Aussicht, bis zum 1. Juli noch zu einer Einigung zu gelangen, äußerst gering erscheinen.

Der Ausgang der Verhandlungen wird nicht zuletzt dadurch präjudiziert, daß beide Parteien seit Monaten in Presse, Radio und Fernsehen eine regelrechte Hetzkampagne gegeneinander führen, die jeden vernünftigen Kompromiß von vornherein ausschließt.

Der Unsummen verschlingende, Propagandafeldzug (er hat bisher gegen 3 Mill. Dollar gekostet) hat nicht nur die Verhandlungsatmosphäre vergiftet, sondern gleichzeitig auch beide Parteien in ihren extremen Positionen festgenagelt. Unternehmer und Gewerkschaftsführer haben sich tatsächlich durch ihre Behauptungen und gegenseitigen Beschuldigungen dermaßen "kompromittiert", daß sie schon aus Prestigegründen nicht mehr zurückweichen können, ohne befürchten zu müssen, sich in aller Öffentlichkeit zu blamieren.

So muß die Gewerkschaftsführung "notgedrungen" auf ihre ursprüngliche Forderung nach einer "ins Gewicht fallenden Erhöhung der Löhne und Sozialleistungen" beharren (obschon nach wie vor keine genauen Zahlen genannt werden, spricht man im allgemeinen von einer zusätzlichen Lohnforderung in der Größenordnung von etwa 20 Cts. pro Stunde). Die Unternehmer sind ihrerseits nur bereit, den neuen Arbeitsvertrag zu unterzeichnen, wenn ihre extremste Forderung – einjähriger Lohnstopp und Ausschluß der gleitenden Lohnklausel (automatischer Teuerungsausgleich) aus dem künftigen Vertrag – von der Gewerkschaft akzeptiert wird.

Alle bisher von den Verhandlungsparteien eingebrachten "Vorschläge zur Güte" dürfen nicht als echte Kompromißvorschläge bezeichnet werden, selbst wenn sie auf den ersten Blick den Eindruck erwecken, als ob die Parteien in gutem Treuen bereit wären, sich dem Standpunkt des Gegners zu nähern. Tatsächlich stellen sie aber nichts anderes dar als formal-juristisch mehr oder weniger geschickt getarnte Versuche, die eigene Position noch stärker zu untermauern.