RN., London, Ende Juni

Der vor vier Wochen im britischen Druckgewerbe ausgebrochene Lohndisput hat sich am letzten Samstag "zum Streik verdichtet". 80 Provinzzeitungen und mehr als 1000 Zeischriften aller Art mußten ihr Erscheinen und etwa 4300 Druckereifirmen ihren Betrieb einstellen. Die Stillegung dürfte die umfassendste seit dem Generalstreik von 1926 sein. Sollte sie längere Zeit dauern, was viele Beobachter für wahrscheinlich halten, dann kann es kaum ausbleiben, daß sie sich als zunehmende Lähmung des gesamten heimischen Geschäftslebens auswirkt.

Schon in zehn Tagen wird es den Markenartikel-Industrien an bedrucktem Verpackungsmaterial, Etiketten usw. fehlen, was die Verteilung und auch den Export ernsthaft behindern dürfte. Die großen Anzeigen-Agenturen werden nicht länger Klischees und Matrizen für Pressewerbung anferttigen lassen können, so daß selbst die "national papers" nicht ungeschoren bleiben mögen. Binnen weniger Tage wird es nicht mehr länger Plakate, Programme oder auch nur Eintrittskarten für Konzerte, Theater, Kinos und Hunderennen geben. Die Fußball-Totos geraten in Bedrängnis – während in der Londoner City zugleich, aus Mangel an Prospekten, Zuteilungsformularen, Zirkularen usw., die Emissionstätigkeit zu erlöschen droht. Gesellschaftsberichte werden sich nur noch auszugsweise und hektographiert verschicken lassen, wozu gleich bemerkt sei, daß Unternehmen, wie beispielsweise Courtaulds, mehr als 150 000 Exemplare zu verteilen haben: Selbst in Whitehall wird man erfahren, in wie außergewöhnlich hohem Maße das Funktionieren unserer modernen Gesellschaft vom gedruckten Wort abhängt.

Entstanden ist der Disput aus der gewerkschaftlichen Forderung nach 10prozentiger Tariferhöhung und einem gleichzeitigen Abbau der Arbeitswoche von 43 1/2 auf 40 Stunden. Obwohl die nahezu 200 000 Mann zählenden Belegschaften später über diesen Vorschlag verhandeln wollten, kam es zum Streik. Statt in ein Schiedsverfahren einzuwilligen, riefen die Funktionäre zur Überstundenverweigerung auf. Die Unternehmer wiederum begannen vorsorglich zu kündigen.

Wie lange der Streik dauern und auf welche Art und Weise er beigelegt werden wird, steht vorerst dahin. Die beteiligten Fachgewerkschaften haben ein Vermögen von zusammen 60 Mill. DM. Der gewerkschaftliche Atem scheint jedenfalls länger zu sein als der mancher Unternehmer. Es ist auch zu befürchten, daß große Druckaufträge mehr noch als bisher in das Ausland abwandern.

Einstweilen, und für die Dauer des Streiks, sind einer solchen Verlagerung nach draußen zwar Grenzen gesetzt, da die Drucker-Gewerkschaften einiger westeuropäischer Länder sich mit den hiesigen Verbänden solidarisch erklärt haben. Wenn "Economist" und "New Statesman die Herstellung ihrer letztwöchigen Ausgaben in Brüssel bzw. in Düsseldorf zu arrangieren vermochten, dann höchstwahrscheinlich also nur deshalb, weil der hiesige Streik wohl bereits am Donnerstag angelaufen war, seinen offiziellen Anfang aber erst zum Samstag genommen hatte. Im Trend ist das Abwandern nach dem Kontinent schon seit Jahren zu beobachten.