mehr mit fröhlicher Toleranz. Diese Jungen wissen, daß sie hart arbeiten müssen, und hinter ihrem Ehrgeiz steht ein verzweifelter Ernst. Der wirtschaftliche Aufstieg muß anhalten, und jeder muß das Äußerste leisten.

Mag es auch respektlosere, sittenlosere und rabiatere junge Menschen in Japan geben, sie sind nicht entwurzelt. Wir haben unsere Vergangenheit verloren; die Japaner verleugnen sie nicht. Heute wirkt nicht nur das Fremde einseitig auf diesen "Westen des Ostens", sie experimentieren mit westlichen Ideen – auch mit den politischen Mechanismen der Demokratie –, und mit ungebrochenem Selbstvertrauen scheinen sie das Eingeströmte mit eigenem Wesen zu durchdringen. Viel ureigen Japanisches aber, was dem Westen Eindruck machte (wie etwa die Holzschnitte), wird seitdem auch im Lande wieder mehr geschätzt und gepflegt, und manche Kunst, die sie schon bereit waren aufzugeben, wie die der Noh-Spiele, wurde wiederbelebt. Japan ist heute gesellschaftlich noch viel mehr intakt als Europa, und sie bewältigen das kollektive Leben im Massenzeitalter in diesem Land mit der dichtesten Bevölkerung der Erde mit so viel Gelassenheit, Disziplin und Stil, mit zeremoniellem Glanz, mit Lebenswärme, Naivität und Charme, daß auch diese moderne, technisierte Welt noch eigenen Zauber hat. Vielleicht wird hier aus der Synthese West-Ost etwas Neues entstehen. Eine gemeinsame Möglichkeit. Vielleicht finden wir hier neue Ideen auch für uns.

Japaner lieben Gespräche mit unbestimmtem Ausgang. Wir erheben uns von dem Tatami und beenden den Abend mit fröhlichen Liedern, so daß die dünnen Papierwände beben. Deutsche Studenten- und Volkslieder, von denen die kleinen Japaner, als ich schon längst aufgeben muß, Strophe für Strophe kennen. Deutsche Marschlieder singen sie dann, in aller Harmlosigkeit, deren Texte mich zusammenfahren lassen: "Erika, zwei, drei, bumm bumm."

Dann folgen japanische Studentenlieder. "Ho no" dröhnt der "Lange Wald", der zackig den Takt angibt, und ich werde von einem Rhythmus, einem Temperament überfallen, daß ich die ganze Kraft und Naturnähe dieser Inselmenschen auf den Vulkanen zu spüren glaube. (Wird fortgesetzt)