J. J., Hamburg

Es war Montag, 19 Uhr, vor dem Hamburger Hauptbahnhof. An einer Plakatsäule, wo die Theaterspielpläne hängen, sprach mich ein Herr mit ausländischem Akzent an. Er war aus Kopenhagen gekommen, wollte nach Bremen, hatte die Fahrt aber in Hamburg unterbrochen, um in der volkreichsten Stadt der Bundesrepublik deutsches Theater zu sehen.

An zwei Theaterkassen war er schon gewesen. Im Deutschen Schauspielhaus gab’s in Gründgens’ phänomenaler Inszenierung – der Däne hatte davon gelesen – von Brecht "Die heilige Johanna der Schlachthöfe". Im Thaliatheater von dem Schweizer Max Frisch das vielgenannte Lehrstück ohne Lehre "Biedermann und die Brandstifter". Beide Stücke standen zwar auf dem Plakat, aber Karten gab es keine dafür. Die Vorstellungen waren samt und sonders an die Volksbühne abgetreten worden.

Nun studierte der Däne die restlichen Theateranzeigen: In der Hamburgischen Staatsoper "Die Hugenotten" – geschlossene Vorstellung für die Volksbühne; in Ida Ehres Kammerspielen gab’s "Mirandolina" von Goldoni – nur für die Volksbühne. Ich verwies meinen ratsuchenden Gesprächspartner auf das Theater im Zimmer. Mit seinen 80 oder 100 Plätzen war es, obwohl nicht plakatiert, das einzige einigermaßen repräsentable Theater der Millionenstadt, in dem man eine Karte an der Kasse hätte kaufen können. Auf den Namen des Autors hin, Tennessee Williams, von dem dort "Mississippimelodie" gegeben wurde, macht der Däne nur "Brrrr". Selbst wenn er niederdeutsches Platt verstanden und ins Ohnsorg-Theater hätte gehen wollen: geschlossene Vorstellung für die Volksbühne.

Der Däne, der an einem repräsentativen Platz deutsches Theater hatte sehen wollen, bestieg schließlich resigniert den Omnibus "Hamburg bei Nacht" zu einer Rundfahrt durch das Vergnügungsviertel.

Die Volksbühne ist eine Besucherorganisation und für die von ihr beglückten Theater teils nützlich, teils eine Last. Daß aber sämtliche Hamburger Theater für sie am selben Tag geschlossene Vorstellungen geben, das ist fast so wie in Zürich, wo am Montag gar kein Theater stattfindet. Für den Ausländer bedeutet es auf jeden Fall: Weltstadt, montags ohne Theater.