Berlin, im Juni

Walter Ulbricht war heiser, und deswegen mußte Otto Grotewohl zu den 70 000 Ostberlinern sprechen, die am freien Sonnabendnachmittag unter sengender Sonne in der Stalinallee angetreten waren. Der Zonenministerpräsident teilte den Siebzigtausend mit, daß der zwölftägige Besuch der Partei- und Regierungsdelegation der DDR in der Sowjetunion "eine große Manifestation für den Frieden, die Freundschaft zwischen dem Sowjetvolk und der Bevölkerung der DDR und für die noch engere wirtschaftliche, kulturelle und politische Zusammenarbeit unserer beiden Länder" gewesen sei.

Diese gezielte Demonstration hatte der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschow schon eingefädelt, als er im Frühjahr zu Besuch in Leipzig und Berlin war: Unabhängig vom Verlauf der Genfer Konferenz wollte er zeigen, wie sehr die DDR bereits ein integrierender Bestandteil des "sozialistischen Lagers" geworden ist. Das Konzept dazu war im Juli vorigen Jahres von Chruschtschow selbst beim V. SED-Parteitag entworfen worden.

Im Herbst wurde zunächst das wirtschaftliche Programm angepackt. Die DDR bekam dabei für ihren Sieben-Jahres-Plan – mit dem Chemieprogramm und dem weiträumigen Projekt, die gesamte Industrie in absehbarer Zeit von Kohleauf Ölbasis umzustellen – eine Aufgabe, die sie auf ganz neue Weise in die Ostblockplanung einbezieht. Ihre Volkswirtschaft ist nicht mehr Objekt der allgemeinen Ausbeutung; sie hat jetzt genau umrissene Produktionsaufgaben, die funktional in die sowjetische Volkswirtschaft und in die Pläne des Ostblock-Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe eingefügt sind.

Diese langfristigen wirtschaftlichen Dispositionen sind allerdings nur sinnvoll, wenn gleichzeitig die politische Stabilisierung Fortschritte macht. Dazu aber gehören die Lösung der Berlin-Frage und der Abschluß eines Friedensvertrages mit Deutschland. Wenn die sowjetische Regierung scheinbar auch noch ein wiedervereinigtes oder konföderiertes Deutschland als Friedensvertragspartner in Betracht zieht, so steuert sie doch ziemlich eindeutig auf einen separaten Friedensvertrag mit der DDR hin. Die Rede Chruschtschows bei der Verabschiedung der Pankower Partei- und Regierungsdelegation beweist das ebenso wie das langatmige Kommuniqué über den "Freundschaftsbesuch".

Freilich werden keine Termine genannt. Grotewohl überraschte seine Zuhörer sogar mit der Bemerkung, er mache sich keine Illusionen darüber, "daß etwa in Kürze durch unsere große Freundschaftsreise oder durch die Verhandlungen in Genf eine entscheidende Veränderung eintreten könne. Doch auch ohne Fristen, die als ultimative Daten mißverstanden werden könnten, bleibt das sowjetische Konzept unverändert.

Eine Reihe von Vereinbarungen, vor allem in wirtschaftlichen Angelegenheiten, werden dem "Freundschaftsbesuch" folgen. Sie sind nichts anderes als ein Vorgriff auf den separaten Friedensvertrag. Ein aktueller außenpolitischer Auftrag kommt hinzu. Bei der Rostocker "Ostsee-Woche", die als Gegenstück zur "Kieler Woche" arrangiert ist, wird es Sache der DDR-Funktionäre, vor allem Ulbrichts, sein, die sowjetischen Pläne "für die Verbesserung der zwischenstaatlichen Beziehungen im Ostseeraum" zu interpretieren und damit Chruschtschows Skandinavienreise vorzubereiten.