Man spricht heute viel von Industrieunternehmen mit Entwicklungschancen. Ihnen prophezeit man eine glänzende Zukunft, weil sie mitten im dynamischen Geschehen der Industriewirtschaft stehen. Ihre Aktien sind an der Börse beliebt, sie werden angeblich durch reines Zuwarten immer wertvoller. Die tatsächliche Entwicklung verläuft allerdings nicht immer so gradlinig, wie es den modernen Propheten, die sich heute gerne Wirtschaftsforschungsinstitute nennen, erscheinen mag. Manchmal lohnt sich deshalb ein Blick in die Vergangenheit, zumal, wenn sich dazu eine Gelegenheit bietet wie das Jubiläum der Zellstofffabrik Waldhof, die in einer Feierstunde auf ihr 75jähriges Bestehen zurückschauen konnte.

Damals, daß heißt 1884, gehörte auch die Zellstofffabrik Waldhof zu den Wunderkindern der deutschen Industrie. Eine unternehmerische Leistung stand am Anfang; die Gründer Haas und Dr. Clemm wollten die Erfindung der Zellstofferzeugung in großem Maße nutzbar machen. Schon in den ersten fünf Jahren wurde das Mannheimer Werk zweimal erweitert. Bald wanderte die Produktion in die Rohstoffgebiete, daß heißt in die großen Wälder des Ostens. Es war wirtschaftlicher, den Zellstoff anstatt des Holzes zu verfrachten. Es entstanden russische Tochtergesellschaften, in Ostpreußen wurden Fabriken übernommen, später kam es zu eigenen Fabriken in Finnland. Die Kriege gingen über diese Werke hinweg. Das Unternehmen wurde wieder auf Westdeutschland zurückgeworfen. In den großen Wäldern Skandinaviens und Nordamerikas aber waren neue Zellstoffindustrien mit besten Standortbedingungen herangewachsen; der Wind der Konjunktur stand daher längst nicht mehr in den Segeln von Waldhof. Entwicklungschancen, also ein strömendes Wasser, in dem das Schiff des Unternehmens fährt, wenn es nur geschickt gesteuert wird, gab es schon längst nicht mehr. Von der Unternehmensleitung wurden ganz neue Qualifikationen gefordert. Es wurden neue Verfahren entwickelt, die es ermöglichten, auch das Buchenholz der Zellstoffabrikation nutzbar zu machen. Vor allem aber mußte Waldhof in die Veiterverarbeitung gehen, weil diese schon immer und überall bessere Renditen bringt als die Urproduktion.

Sehr frühzeitig wurden deshalb Papierfabriken angegliedert; später ging man eine Stufe weiter, direkt in Verpackungsmaterial, Konsumwaren u. ä. Aber auch hier gab es kein freies Betätigungsfeld; überall saßen die besten Kunden, denen man keine Konkurrenz bereiten durfte. Wirkliche Geschäftschancen fanden sich nur im Neuland, das heißt dort, wo, wenigstens in Deutschland, noch keine Fabrikation bestand. Aus dem Entwicklungsunternehmen Waldhof ist so im Laufe der Jahrzehnte eine hart um seine Existenzgrundlage ringende Industriegesellschaft geworden. Sie kann erfreulicherweise an ihrem Jubiläumstag auf manchen neuen Erfolg zurückblicken und sie weiß auch, daß sie Chancen besitzt, wieder im Kreise der deutschen Industrie einen angesehenen Platz einzunehmen.

W. R.