Von Josef Müller-Marein

Es heißt, daß nicht nur die Clochards aus Paris verschwinden sollen, jene vertrauten Figuren voller Dreck und Speck, die, in Lumpen gehüllt, durch die Straßen wandern und, von alten Zeitungen bedeckt, unter den Brücken schlafen – auch der Marche aux Puces im Norden der Stadt, nahe der Porte de Clignancourt, scheint in Gefahr zu sein. Es kann ja leicht ein mächtiger Mann, der Ordnung schaffen will, die Menschen dirigieren, die außer einem alten Sack über den Schultern nichts haben als Durst auf Schnaps und eine heftige Abneigung gegen jegliche Arbeit.

Ich sprach mit einem solchen Clochard und machte ihm, indem ich ihm feierlich eine Zigarette überreichte, den Vorschlag, am Seine-Quai mein Auto zu waschen, wofür ich ihm eine Taschenflasche Cognac geben würde. Er zögerte. Und aus seinen Antworten ging hervor, daß er sich nicht darüber im klaren war, wo exakt die Grenze verläuft, an der Beschäftigung in Arbeit ausartet. So ließ er es leider.

Man ersieht daraus, daß mein Clochard, der übrigens recht jung und rüstig war, noch über frische Geisteskräfte verfügte. Auch ließ der Besitz eines alten Kinderwagens, der mit allerlei Trödel beladen war und den er langsam vor sich herschob, auf Freude an materiellen Schätzen und auf eine gewisse Fortschrittlichkeit schließen. Er war, wie man gleich sehen wird, nicht ohne Philosophie. Und hat er nicht recht? Diogenes, einen Kinderwagen schiebend (anstatt ein Faß rollend) – das kann man sich schon vorstellen. Jedoch: Diogenes, ein Auto waschend – nein!

Eine zweite Zigarette, mit der Geste äußerster Kameradschaft überreicht, machte sein von Schicksalsschlägen verhärtetes Herz sturmreif, so daß er mir schließlich mit einem einzigen Satz, den ich als klassisch bezeichnen möchte, seine Maxime verriet: "Schnaps und Tabak", so sagt er,"muß der Mensch haben. Etwas Brot wäre auch nötig. Aber alles kann der Mensch nicht immer schaffen!"

Und nun frage ich die Großmächtigen des neuen Frankreichs: "Was wollen Sie, meine Herren, bei einem solchen Menschen erreichen?"

Und tatsächlich habe ich einen ziemlich einflußreichen Mann wortwörtlich so gefragt: "Man hört, daß die Clochards eingesammelt und in ein Altersheim gesteckt werden sollen, das, nahe von Paris gelegen, eigens zu diesem Zweck frei gemacht werden müßte. Und dies, obwohl es – wie Exempel lehrt – Clochards gibt, die für ein Altersheim noch viel zu jung und rüstig sind! Sie werden sagen, man müsse aus Mitleid für sie sorgen. Nun gut: Wird man ihnen Brücken bauen im Park des Altersheims, damit sie sommers darunter schlafen können? Wird man alte Zeitungen für sie abonnieren? Wird man für die kalten Wintertage eine Fernheizung mit Gittern bauen, auf denen sie liegen können? Vor allem: Wird man ihnen das geben, was der Mensch zum Leben braucht – Schnaps und Tabak in erster und Brot in zweiter Linie?"