Von Ernst Stein

Die hohe Kunst scheint leichter Rekorde zu brechen als die Technik und der Sport. Cézannes "Junge mit der roten Weste" erzielte bei Sotheby in London im vorigen Oktober den höchsten Preis; der (bis zu diesem Tage) je auf einer Versteigerung für ein Bild gezahlt wurde: Über zweieinhalb Millionen DM. In der vorigen Woche wurden aber im gleichen Auktionshaus dreieinviertel Millionen (in anderthalb Minuten) für einen alten Meister angelegt: "Die Anbetung der Heiligen Drei Könige", ein Altarstück von Rubens, um 920 Gulden für ein Kloster in Löwen gemalt. Bald nach 1800 erwarb es ein Vorfahr des Herzogs von Westminster um 800 Guineen, und aus dem herzoglichen Nachlaß wurde es jetzt mit 17 anderen Gemälden, (Gesamterlös rund acht Millionen DM) versteigert, um einen Teil – einen Teil! – der Erbschaftssteuern zu decken.

Anderthalb Jahrhunderte hing dieses Bild, 31/4 X 21/2 Meter groß, in einer finsteren Vorhalle zu Eaton Hall; dem herzoglichen Sitz, der im Kriege zur Kadettenausbildung diente. Die Kadetten bekränzten das Werk bei geselligen Abenden mit Girlanden aus Toilettenpapier und warfen mit Tomaten danach – sicherlich nicht, weil sie es für einen Schinken hielten (eine Ansicht, mit der sie nicht völlig allein gestanden hätten). Aber es ist das einzige ganz von Rubens’ Hand gemalte Altarstück in England, und so gab es vor der Versteigerung eine kleine Aufregung: In Briefen an die Times und im Unterhaus wurde gefragt, ob das Werk das Land verlassen dürfe.

Es bleibt in England, denn der Käufer lebt hier – seinen Namen werdet ihr nie erfahren, wenigstens ein paar Wochen nicht, denn wie lange kann ein Mann unbekannt bleiben, der an einem Vormittag fünf Millionen für drei Bilder (einen Greco und einen feinen Frans Hals noch) ausgibt? Die Auktion, im Fernsehen übertragen, war überfüllt, aber zum Unterschied von der schon sagenhaften Goldschmidt-Auktion mit dem erwähnten Cézanne war es kein "gesellschaftliches" Ereignis. Die Herzogin von Westminster und Baronin Thyssen waren zwar zugegen, aber es war dennoch ein Tag der Händler. Mehr als 400 an der Zahl waren zu sehen.

Und da der Haupterlös dieses großen Tages dem Staat zufließt, drängt sich wieder einmal der Gedanke auf, wie doch Kunst und Geld verschwägert sind und wie im Grunde der Kunstkritiker vor dem Scheckbuch die Segel streichen muß. Es fühlt kein, weiter Weg von der "Anbetung der Heiligen Drei Könige" zur Anbetung des Goldenen Kalbes.

(Siehe auch Wirtschaftsteil)