Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, nur seriöse Aufgaben seien geeignet, die Qualitäten eines Theaters zu demonstrieren. Eher ist das Gegenteil richtig. Gerade ein ausgemachter "Schmarrn" kann unter Umständen enthüllen, was ein Ensemble wert ist. Denn hier geht es auf Biegen oder Brechen um die einzig mögliche Rechtfertigung: vom künstlerischen Rang des mimischen Handwerks her! Und das ist keineswegs die schlechteste "Eignungsprüfung".

Der Fall einer solchen Bewährungsprobe war gegeben in Hans Schweikarts letzter Inszenierung dieser Saison, einer "Deutschen Erstaufführung", so gewichtsloser Art, daß man wohl meinen dürfte, Novitäten solcher Art müßten sich auch in der einheimischen Produktion finden lassen. Jedenfalls, dieses Kriminallustspiel von dem jungen Engländer Peter Coke mit dem deutschen Titel "Feine Herrschaften" würde, an sich nicht einmal ausreichen, den Touristen der Hochsommermonate vorgeworfen zu werden.

Es ist eine Posse mit leichtem gesellschaftskritischem Einschlag. Sie dreht sich um ein paar beschäftigungslose Spießbürgerinnen, die es plötzlich unterhaltend finden, sich als Diebesbande zu organisieren und unter der Führung eines monomanischen Heimstrategen planmäßig in großem Stil Pelze zu klauen und aus dem Erlös stille Wohltätigkeit zu betreiben. Eine ununterbrochene Kette von Szenen grotesker Situationskomik nach vielerlei durchweg alterprobten Rezepten.

Aus einem derartigen Klamauk trotz allem noch einen Abend respektgebietender Darstellungskunst zu machen, war gewiß kein Pappenstiel. Den Münchner Kammerspielen gelang das artistische Kunststück auf bewunderungswürdige Weise. Nicht nur, daß man in Herta Saal als Zimmervermieterin, Erna Sellner als Sprach- und Gesangslehrerin, Rudolf Rhomberg als Oberst a.D. und Charlotte Witthauer als Nervenbündel lauter sicher sitzende Typenskizzen auf der Bühne sah – vor allem die ensemblemäßige Meisterung des tumultuarischen Unsinns war erstklassig zu nennen

Wie sich freilich das Ganze ausnehmen wird wenn der Premierenschwung einmal hin ist – danach wollen wir lieber nicht fragen.

Walter Abendroth