Der Herr des Kremls krempelt seine Führungsspitze um

Von Wolfgang Leonhard

Seit einigen Monaten ist in der Sowjetunion ein großes Revirement im Gange: Umbesetzungen im Parteiapparat, in der Staatsverwaltung, der Armeeführung, im leitenden Gewerkschaftsapparat und in den Regierungen verschiedener Unionsrepubliken sind an der Tagesordnung. Sie erfassen zumal den zweiten Rang der Funktionäre, die Gebietssekretäre und die Parteisekretäre der Unionsrepubliken – jenen Personenkreis also, aus dem in den letzten Jahren eine ganze Anzahl neuer Männer ins erste Glied vorgetreten sind: der jetzige Erste stellvertretende Ministerpräsident der UdSSR, Frol Koslow; Nikolai Ignatow, gegenwärtig wohl die Nummer 2 in der Sowjethierarchie; Alexej Kiritschenko, die rechte Hand Chruschtschows für Personalfragen, und Nuritdin Muchitdinow, der heute für die sowjetische Außenführung in Asien und dem Nahen Osten verantwortlich ist. Nicht nur die Sowjetexperten werden sich die Namen der neuen Männer merken müssen. Jetzt gehören sie noch zur zweiten Garnitur – aber zweifellos nicht mehr lange.

Den Startschuß für die Umbesetzungen gab Ministerpräsident Chruschtschow schon auf dem Dezember-Plenum 1958: „Es wird nicht zu umgehen sein, einige leitende Funktionale, die eine Verbesserung der Wirtschaft nicht gewährleisten, abzulösen Noch deutlicher wurde Chruschtschow dann auf dem XXI. Parteitag. „Man muß die jungen Kader kühner als bisher förtern“, forderte er; jüngere Funktionäre im Alter von 35 bis 40 Jahren hätten „viel Energie“. Funktionäre hingegen, die wegen ihres Alters ‚oder aus anderen Gründen“ (!) nicht mehr energisch und aktiv genug seien, solle man „nicht zurückhalten, wenn sie den Wunsch äußern, eine andere Arbeit zu übernehmen oder sich pensionieren zu lassen“. Auch der Kader-Chef Kiritschenko verlangte, neue, junge energische Funktionäre „zur leitenden Arbeit in Partei- und Staatsorganen“ heranzuziehen.

Es begann in Moskau...

Es wurde sehr bald klar, daß diese Erklärungen keine leeren Worte waren. Seit dem Parteitag geht eine Welle von Absetzungen und Neuernennungen über die Sowjetunion. Sie begann Anfang März in Moskau, wo der Erste Parteisekretär Iwan Kapitanow ohne Angabe von Gründen seines Postens enthoben und durch den relativ unbekannten P. N. Demitschew ersetzt wurde. Der 43jährige Ingenieur Kapitanow war noch auf dem XXI. Parteitag durch seine besonders scharfen Angriffe gegen die „parteifeindliche Gruppe“ aufgefallen. Auf Moskau folgte das wichtige Industriezentrum Sibiriens, Nowosibirsk. Dort wurde der Parteisekretär Boris Kobelow durch Fjodor Korjatschow ersetzt, der aus Kalinin nach Sibirien beordert worden war.

Mitte März wechselte der Kreml dann die Parteiführung in der mittelasiatischen Baumwoll-Republik Usbekistan aus: Ministerpräsident Achmedow und der Erste Parteisekretär Sahir Kamalow wurden abgesetzt und aus allen Parteigremien ausgeschlossen. Kamalow galt zuvor als eine der Parteigrößen Sowjet-Mittelasiens und war erst 1958 zum Parteisekretär Usbekistans ernannt worden. An seine Stelle trat Sharaff Raschidow, eine ehemaliger Schuldirektor und Redakteur, der in den letzten Jahren als Vorsitzender des Usbekischen Schriftstellerverbandes und stellvertretender Vorsitzender der sowjetischen Gesellschaft für Freundschaft und kulturelle Beziehungen mit den Ländern des arabischen Ostens hervorgetreten ist.

Ende April schließlich kam Bjelo-Rußland, die westlichste Unionsrepublik der UdSSR, an die Reihe. Nikolai Awchimowitch, seit 1953 zweiter Parteisekretär und seit 1956 Ministerpräsident Bjelo-Rußlands, wurde abgesetzt. An die Spitze der bjelorussischen Partei steht nun der 52jährige Tichon Kiseljow, ein früherer Schuldirektor, der vor allem in der Parteipropaganda tätig war, daneben der Wirtschaftskommission des Obersten Sowjets der UdSSR angehörte und stellvertretender Vorsitzender des Nationalitätenrates der UdSSR ist. Auch in der an Rumänien grenzenden Moldauer Unionsrepublik wurde die Parteiführung fast vollständig ausgewechselt.

Abgebauter Komsomol-Führer

Hand in Hand mit den Umbesetzungen in Industriezentren und Unionsrepubliken gingen bedeutende personelle Veränderungen im zentralen Apparat der UdSSR. Die eigentümlichste war die Umbesetzung an der Spitze des Komsomol, des 18 Mill. Mitglieder zählenden sowjetischen Jugendverbandes. Wladimir Semitschastnij, der als Nachfolger Alexander Scheiepins (seit Dezember 1958 Staatssicherheitschef der UdSSR) die Leitung des Komsomol übernommen hatte, blieb kaum ein Jahr im Amt. In dieser Zeit wurde er in der Welt durch sein Auftreten in der Anti-Pasternak-Kampagne bekannt. Er war es, der den Dichter mit einem Schwein verglich und erklärte, ein Schwein hätte nicht das getan, was Pasternak getan hatte... Wenige Wochen danach trat er von der Komsomol-Führung zurück – und wurde in den zentralen Parteiapparat übernommen. An seine Stelle rückte der ziemlich unbekannte Komsomol-Sekretär S. Pawlow.

Ende März folgte die fast völlige Auswechslung der sowjetischen Gewerkschaftsführung. Zwar blieb der im Sommer 1956 eingesetzte Vorsitzende Viktor Grischin weiter im Amt, aber von den 197 Mitgliedern des Zentralrates der Sowjet-Gewerkschaft wurden alle bis auf 36 durch neue Funktionäre ersetzt.

Schon seit Frühjahr 1958 ist Chruschtschows Bestreben immer deutlicher sichtbar geworden, Parteifunktionäre aus seiner früheren ukrainischen Zeit in führende Staatsstellungen einzuschleusen. Nach dem XXI. Parteitag kam das vor allem in zwei Fällen zum Ausdruck. Einmal wurde der langjährige sowjetrussische Landwirtschaftsminister Iwan Benediktow, der nach glaubwürdigen Berichten nicht immer von Chruschtschows Landwirtschaftsplänen begeistert gewesen sein soll, als Botschafter nach Indien abgeschoben; an seine Stelle trat der Chruschtschow eng verbundene Ukrainer Nikifor Kaltschenko. Zum anderen wurde der Spitzenfahrer Nikolai Ignatow, der gleichzeitig dem Parteipräsidium und dem ZK-Sekretariat angehört und als enger Parteigänger des sowjetischen Ministerpräsidenten gilt, zum Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets der Russischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) ernannt.

Nicht nur „Methode Stalin“

Die jüngsten personellen Veränderungen stehen durchweg im Zeichen der von Chruschtschow geforderten Verjüngung des Parteiapparates. In vieler Hinsicht erinnern sie an die Methode Stalins, der zu Anfang seines Machtaufstieges ebenfalls jüngere Provinzfunktionäre förderte, auf deren besondere persönliche Ergebenheit er zählte. Auch Chruschtschow berücksichtigt wohl in erster Linie jene Funktionäre, die ihn in den letzten Jahren bei seinen Reformen und Kampagnen – Industriereform, Neulandkampagne, Auseinandersetzung mit der „parteifeindlichen Gruppe“, Auflösung der MTS und Schulreform – vorbehaltlos unterstützt haben.

Es wäre jedoch verfehlt, im Chruschtschows neuer Personalpolitik nur den Ausdruck eines innerpolitischen Machtkampfes zu sehen. Auch allgemeine Erwägungen dürften dabei eine wesentliche Rolle spielen. Die Führung steht heute vor der schwierigen Aufgabe, die Modernisierung der sowjetischen Industriegesellschaft unter Führung des Parteiapparates durchzuführen. Für dieses Ziel ist jedoch weder der Parteiapparatschik der Stalin-Ära mit seiner geringen wirtschaftlichen Sachkenntnis, seiner Neigung zu agitatorischen Reden und ideologischer Schulung geeignet, noch jener Typ des Wirtschaftsreformers, der mit seinen Forderungen nach ökonomischen Anreizen, lokaler Initiative, stärkerer Berücksichtigung des Marktes und Anerkennung des Wertgesetzes die Rolle der Partei in der Wirtschaft in Frage zu stellen droht.

Daher rührt das Bestreben der Chruschtschow-Führung, die alten Stalinschen Apparatschiks nach und nach durch „kombinierte Parteifunktionäre“ zu ersetzen, die Parteitreue mit wirtschaftlicher Sachkenntnis verbinden – durch Leute also, die, ohne auf die Härte, Entschlossenheit und Festigkeit der Stalinfunktionäre zu verzichten, eng mit der Bevölkerung verbunden sind und zugleich in wirtschaftlichen Dingen Initiative und Fachkenntnis an den Tag legen.