Ein Reisender berichtete, indem er schrie und wimmerte, gerade an jenem Tage, als er siebenundzwanzig Jahre alt wurde, einem Gewitter, ehe es ihn verschlang, die Begebenheiten der letzten drei Tage wie folgt:

Vorgestern, aus heiterem Himmel, hat mich meine Firma, in deren Berliner Zentrale ich angestellt bin, zu ihrer Kölner Niederlassung geschickt. Auftrag ist Auftrag. Nach Köln, überlegte ich, während ich zum Bahnhof ging, ausgerechnet nach Köln, wo die Eltern wohnen, denen ich seit einem Jahrzehnt nicht geschrieben habe, die mir seit einem Jahrzehnt nicht geschrieben haben, nicht weil ich besonders boshaft oder gleichgültig bin, sondern weil die Eltern Eltern sind, der Sohn ein Sohn ist, Berlin Berlin und Köln Köln.

Ich habe Berlin verlassen, bin durch Deutschland gefahren, in Köln angekommen, habe den Auftrag erledigt und die Eltern besucht.

Gestern, nachdem ich Blumen gekauft habe, bin ich, um fünf Uhr nachmittags, vom Niederlandpark aus, in dessen Nähe sich die Filiale der Firma befindet, durch die Stadt gewandert, die Amsterdamer Landstraße entlang, eine Ausfallstraße, quer über die Bleiche, durch die Altstadt hindurch, über den Rhein hinweg, nach Lindenthal hinein, ein Stadtteil, wo die Eltern und ich, in der Freymarckstraße, vor zehn Jahren gewohnt haben – die Eltern wohnen heute noch da.

In der Brückenstraße, einer Geschäftsstraße, in der die Mutter immer eingekauft hat, habe ich nacheinander Frau Conti, die Papierwarenhändlerin, Frau Schreiber, die Kolonialwarenhändlerin, und Herrn Moos, den Konditor, getroffen. Sie leben noch, habe ich gedacht; wenn sie leben, leben auch die Eltern noch; sie hätten also sterben können, ohne daß ich es gewußt hätte. Dann bin ich in die Sendtorstraße, auch eine Geschäftsstraße, eingebogen und Herrn Stroh, dem Milchmann, Frau Frommershausen, der Bäckerin, und Herrn Geis, dem Kohlenhändler, alles Kaufleute, bei denen die Mutter früher eingekauft hat, begegnet. Sie sind alt geworden, habe ich gedacht; keiner von ihnen ist gestorben, obwohl dieser oder jener hätte sterben können; die Eltern sind also auch alt geworden.

Schließlich habe ich die Freymarckstraße erreicht und habe vor dem schmutzigen, mit Muschelkalk beworfenen Haus gestanden. Ich habe das Tor aufstoßen, wollen, es ging nicht. Jetzt erst ist mir eingefallen, daß ich klingeln mußte. Ich bin zum Briefkasten gegangen und habe zwar nicht den, Namen, doch seinen Anfangsbuchstaben gefunden. Ich habe geklingelt. Niemand hat aus den Fenstern des ersten Stocks hinausgesehen. Ich habe die Fenster der Reihe nach betrachtet und die Muster der Vorhänge wiedererkannt. Ich habe vermutet, daß die Eltern spazierengingen.

Ich habe im Erdgeschoß geklingelt, bei Herrn Mühlner, dem Gärtner. Aber weder Herr Mühlner noch Frau Mühlner haben geöffnet, sondern ein Unbekannter machte auf. Mühlners sind tot, hat der Fremde gesagt, die Familie aus dem ersten Stock ist spazierengegangen; wann sie zurückkommt, weiß ich nicht; Sie wollen warten, Sie sind der Sohn? Von einem Sohn habe ich nie etwas gehört.