Die politische Figur eines deutschen Bundespräsidenten konnte nichts anderes als eine Improvisation werden. Mein Bemühen konnte nur dies sein, diesen Rahmen auch für den Nachfolger abzustecken und auszufüllen Theodor Heuss hat diesen Satz vor fünf Jahren ausgesprochen. Er gilt noch heute – auch für den eben in Berlin gewählten neuen Bundespräsidenten. Mit einer Einschränkung freilich: Die Figur des Bundespräsidenten ist mehr geworden als nur eine Improvisation. Theodor Heuss hat ein Vorbild gesetzt. Sein Nachfolger Heinrich Lübke wird daran gemessen werden.

Zehn Jahre hat Heuss jetzt sein Amt inne. Daß er 1949 dank einer Koalitionsabsprache zwischen FDP und CDU gewählt wurde, ist längst vergessen. Viele sehen in ihm den "Landesvater" – eine Ehrung, die Heuss vermutlich mehr ärgert als freut. Nichts ist ihm ja so zuwider wie eine neue Untertanenseligkeit.

"Unser aller Aufgabe ist", so sagte der Bundespräsident letzte Woche in Kiel, "den Kindern und Enkeln die Chance eines Traditionsgefühls zu geben, das vor der Wirklichkeit nüchtern steht, aber um die Pflicht vor dem Werdenden weiß." Tradition im besten Sinne des Wortes – das ist es denn, was Heuss nach zehnjähriger Amtszeit seinem Nachfolger und dem Volk hinterlassen wird.

Heinrich Lübke mag diese Tradition manchmal als Last empfinden – dort nämlich, wo sie von den Wesenszügen des ersten Präsidenten geprägt ist. Auch er wird zunächst einmal improvisieren müssen. Aber die Tradition, die Heuss geschaffen hat, wird ihm dabei auch eine Hilfe sein: Dem Amt, das der neue Bundespräsident am 12. September übernimmt, hat Theodor Heuss Würde und Ansehen gegeben.

Auch der Wahlort Berlin verpflichtet. Wie Eugen Gerstenmaier vor der Bundesversammlung sagte: "Wir wären der Einsichten nicht wert, die uns in schweren Prüfungen zugewachsen sind, wenn wir im Augenblick von Drohungen und Ungemach zurückwichen und vergäßen, was wir der Treue zu den besonders Bedrückten und Bedrohten in unserem Volke schuldig sind. Ihnen, uns selber und der Welt schulden wir Deutschen, wo wir auch stehen, jene friedfertige und völlig entschlossene Beständigkeit, die die geläuterte Frucht eines schweren Schicksals ist... Auf die Frage, warum wir hier sind, antworte ich in voller Obereinstimmung mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten: Wir sind hier, weil wir uns, wie Chruschtschow sagt, der Bedeutung bewußt sind, die Berlin ‚als historische Hauptstadt für das gesamte deutsche Volk besitzt‘. Davon werden wir auch in der Zukunft nicht lassen."

Worte? Nein: Wünsche und Maximen – dem neuen Präsidenten auf den Weg. DZ