Von Gottfried Sello

Einen höchst absonderlichen und bemerkenswerten Maler hat sich die Overbeck-Gesellschaft für diesen Sommer nach Lübeck geholt und für Deutschland entdeckt: Niklaus Stoecklin aus Basel, einen Schweizer durch und durch, bekannt und geschätzt in seiner Heimat, 1958 mit dem Großen Kunstpreis von Basel ausgezeichnet. Seine Bilder und graphischen Arbeiten, die bis Mitte August im Lübecker Behnhaus gezeigt werden, sind auf eine geradezu verblüffende Weise unzeitgemäß.

Wahrscheinlich bringt es nur ein Schweizer fertig, derart unbekümmert alles, was um ihn herum in der heutigen Malerei geschieht, zu ignorieren. Man sehe sein "Stilleben mit Briefmarken" und stelle sich vor, daß dieses Bild 1945, in einem der turbulentesten Augenblicke europäischer Geschichte, gemalt wurde! Soviel gesammelte Sorgfalt, Geruhsamkeit, Biedersinn, diese Liebe zum Kleinen und Kleinsten, diese Stille beim Schein der Lampe, die ihren Schatten auf die Carte de l’Europe wirft – wirkt das in der Mitte des 20. Jahrhunderts wie ein Anachronismus, wie der hoffnungslose Versuch, den Geist der holländischen Kleinmeister des goldenen 17. Jahrhunderts zu beleben, oder wirkt es wie eine bewußte Provokation?

Aber Stoecklins Malerei ist kein stilistischer Rückfall in die Vergangenheit, sondern durchaus eigenständig, eigenbrötlerisch – und typisch made in Switzerland. Der Vater war Kaufmann in Basel und nebenbei ein begeisterter Sammler von Insekten und Schmetterlingen. Der Söhn hat die Nüchternheit geerbt, das kühle sachliche Beobachten und auch die Neigung zum Sammeln von Insekten, von Muscheln, von Briefmarken, von Petroleumlampen, Holzpferdchen, Glaskugeln, von vielerlei altmodischem Kram, woraus er seine Stilleben errichtet.

Als er um 1917 zu malen begann, war das, was er Künstlerisch mitbrachte, jedoch zeitgemäß, ja avantgardistisch und firmierte unter dem Begriff Neue Sachlichkeit". In der "Sachlichkeit" seiner Bilder aus den zwanziger Jahren schwingt manches mit, was damals ebenfalls in der Luft lag: kubistische Elemente und die geheimnisvolle Aura der italienischen pittura metafisica. Während äber die anderen Vertreter der "Neuen Sachlichkeit" mehr und mehr die Sachlichkeit zugunsten des Metaphysischen, des Symbolistischen, des Sozialkritischen vernachlässigten, ist Stoecklin immer noch sachlicher geworden.

Konsequent verbannt er auch die Reste von Sentiment, von Wärme, von Subjektivität aus seinen Bildern. Was er darstellt, ist nicht "die Poesie der Dinge" (so der allzu lyrisch unverbindliche Untertitel der Lübecker Ausstellung), Sondern ihre Härte, ihr Dingcharakter, ihre gänzlich unpoetische blanke Tatsächlichkeit.