Wer zu Beginn dieser Woche die Berichte studierte, die von den Börsenabteilungen der Banken an die Kundschaft versandt wurden, und ihren Inhalt mit den Ausführungen verglich, die in diesen Berichten noch vor einigen Monaten zu lesen waren, mußte erstaunt über den Stimmungsumschwung sein, der in jüngster Zeit in Expertenkreisen eingetreten ist. Tatsächlich ist es so, daß eine solche Entwicklung, wie sie sich jetzt an den deutschen Börsen vollzog, niemand vorausgesagt und vorausgesehen hat. Der Berufshandel am allerwenigsten. Alle warnenden Stimmen – sie gibt es auch heute noch – haben völlig an Gewicht verloren, um so mehr, als sie den Argumenten, der Hausse-Partei, deren unverwüstlicher Optimismus in der letzten Woche geradezu unheimlich gestärkt worden ist. nichts entgegenzusetzen haben. Es gibt der hierfür in Frage kommenden Gesellschaften haben in den letzten Tagen ungewöhnliche Gewinne erzielen können. Das ist in erster Linie eine Folge der Marktenge. Es wurden Fälle bekannt, wo ein Kaufauftrag von nom. 10 000 DM erst ausgeführt werden konnte, als der Kurs um 100 Punkte heraufgesetzt worden war. Daraus läßt sich erkennen, daß die Marktverfassung ungesund ist‚ ganz gleich, ob die jetzigen Kurse ihre Berechtigung haben oder nicht. Niemand soll sich indessen täuschen: eine Marktverbreiterung ist nirgends in Sicht. Die Zusatzaktien werden nur ein Tropfen auf dem berühmten heißen Stein sein; ins Gewicht fallende Aktienemissionen sind nirgends angekündigt und auch nicht zu erwarten. Aktien sind immer noch das teuerste Finanzierungsinstrument, von dem man keinen Gebrauch macht, solange es Kreditquellen mehr als genug gibt. Die Banken drängen bei den Gesellschaften auch nur dann auf eine Kapitalaufstockung, wenn es die Sicherungsverhältnisse erfordern. Nur um den ausgetrockneten Aktienmarkt zu bewässern, legt keine Gesellschaft eine Aktienemission auf, am allerwenigsten die Großbanken selbst.

Unter den gegenwärtigen Umständen ist es nicht leicht, Kundenberater einer Bank zu sein. Richtig war es bisher, immer am Aktienbesitz festzuhalten. Ob das auch in Zukunft der Fall sein wird, kann niemand voraussagen. Sicher ist jedoch, daß die Gewinne bei den allermeisten Depots so hoch sind, daß ein plötzlicher Kursrückschlag (es gibt für ihn zur Zeit jedoch keine Anzeichen!) echte Verluste nicht bringen wird. Schwieriger zu beantworten ist die Frage, welche Papiere noch kaufenswert sind. Kurzfristig und mittelfristig scheint hier nach Ansicht besonnener Börsianer der Montanmarkt einige Chancen zu bieten, der bislang unter dem Druck der Montankrise gelegen hat.

Der "kleine Mann" wird durch die Vorgänge in den Börsensälen aber offensichtlich abgeschreckt. Die jetzt erreichten Kurse schließen die Anlage kleiner Sparbeträge ohnehin aus, denn beispielsweise müssen für eine Aktie der IG-Farben-Nachfolger über nom. 100 DM schon bis zu 450 DM aufgebracht werden. Aber auch der Absatz an Investmentzertifikaten ist nicht bedeutend – und schließlich gehört die Preussag-Aktie zu den wenigen Papieren, die angesichts der Hausse-Bewegung noch einige Punkte einbüßte. Man wird sich daran gewöhnen müssen, daß die Preussag-Aktie – dank der Gesellschaftssatzungen – ein Papier besonderer Art sein wird, das kapitalkräftige Interessenten nicht anlocken kann. Auf große Gewinne wird der Preussag-Aktionär verzichten müssen. Kurt Wendt