Dd, OffenbachBei sechs Stimmenthaltungen billigte die vierundzwanzigköpfige Stadtverordneten-Versammlung von Großauheim am Main am vergangenen Freitag einen Beschluß von Bürgermeister und Magistrat, in dem eine Einladung der thüringischen Stadt Waltershausen zu deren 750-Jahrfeier abgelehnt wird, "solange der freie Reiseverkehr zwischen der Bundesrepublik und Mitteldeutschland von den sowjetzonalen Behörden behindert wird und solange die Einladung von einem nicht in freier, geheimer und unmittelbarer Wahl zustande gekommenen Rat der Stadt Waltershausen ausgeht".

Ein weiser Entschluß; aber er kam zu spät. Als er am 26. Juni gefaßt wurde, waren die vier Stadtverordneten Robert Schreck, Wilhelm Kleinschmidt, August Pauken und Heinrich Fischer bereits aus Waltershausen zurückgekehrt und verlangten den Ersatz ihrer Reisespesen aus der Stadtkasse. Am 19. Juni hatte nämlich die Stadtverordnetenversammlung mit großer Mehrheit genau das Gegenteil von dem beschlossen, was ihr eine Woche später vom Magistrat nahegelegt wurde.

Die Erklärung, man wolle die Einladung nicht annehmen, "solange der Reiseverkehr zwischen West- und Mitteldeutschland behindert wird", ist, nachdem die Eingeladenen längst wieder daheim sind, eine Spiegelfechterei, mit der die 11 000 Einwohner des Industriestädtchens am Main über das Vorangegangene getäuscht werden. Das gleiche gilt für einen zweiten Beschluß, mit dem sich das Großauheimer Stadtparlament "in aller Entschiedenheit von Bestrebungen distanziert, mit den Todfeinden der Freiheit zu paktieren". An dieser Entschiedenheit hatte es nämlich in der Sitzung vom 19. Juni gefehlt. Der Stadtverordnete Anton Ehmes hatte damals die Opfer des Aufstandes vom 17. Juni unwidersprochen beschimpft. Von der CDU bis zum "Parteifreien Friedensblock", der jetzt vom hessischen Innenministerium als mögliche "Nachfolgeorganisation der verbotenen KPD" überprüft werden soll, hatte niemand jene Beleidigungen zurückgewiesen, auch Bürgermeister Gerhard Flämig nicht, dem nach der Gemeindeordnung jederzeit das Recht offen gestanden hätte, in die Debatte einzugreifen. Als Stadtverordnetenvorsteher Emil Fischer (SPD) am 19. Juni bekanntgab, daß der Stadtverordnete Schreck ("Friedensblock") und drei Vertreter der bürgerlichen "Parteifreien Wählergemeinschaft" (Peukert, Kleinschmidt und Heinrich Fischer) bereit seien, als offizielle Vertreter der Stadt Großauheim zur 750-Jahrfeier nach Waltershausen zu fahren, widersprach nur der Stadtverordnete Fritz Runte (CDU). Er sagte, die Einladung komme von den Machthabern jenes Regimes, gegen das am 17. Juni 1953 die Menschen in Mitteldeutschland aufgestanden seien. Einer solchen Einladung zu folgen, sei ein Verrat an jenen Menschen, die für die Freiheit ihr Leben gewagt hätten.

Darauf erhob sich der "Friedensblock"-Sprecher Ehmes und sagte: "Sie sprechen von den Massen, die sich angeblich gegen die DDR erhoben haben. Ich hatte den Mut, wenige Tage nach den 17. Juni 1953 in die DDR zu reisen. Dort habt ich festgestellt, daß die angeblichen Widerstandskämpfer bezahlte Elemente waren, die für fünf Mark auf die Straße gingen und versuchten, das Volk aufzuhetzen. Dafür habe ich Beweise. Wer dahintersteckte, das wissen wir, das brauche ich nicht zu sagen..."

Niemand wies diese Äußerungen zurück, keiner machte einen Zwischenruf. Von 18 anwesenden Stadtverordneten stimmten sechs Sozialdemokraten, vier Anhänger der Parteifreien Wählergemeinschaft, die beiden "Friedensblock"-Vertreter und die CDU-Stadtverordneten Feind und Neumann der Reise nach Waltershausen zu, je zwei SPD- und CDU-Gemeindevertreter enthielten sich der Stimme und nur Runte (CDU) und sein Parteifreund Klinger lehnten ab.

Der junge sozialdemokratische Bürgermeister Flämig erkannte allerdings schon kurz nach der Sitzung, was die Stadtväter angerichtet hatten.

Und am 26. Juni – also nach der Rückkehr der Waltershausener Delegation – widerriefen diese dann nicht nur ihren früheren Beschluß, sondern drängten auch Ehmes, seine Beleidigungen gegen die Opfer des 17. Juni zurückzunehmen – was dieser nach mehreren gewundenen Erklärungen zu guter Letzt auch "mit tiefstem Bedauern" tat.

Damit ist nun in Großauheim offiziell alles wieder in Ordnung: man ist zwar von den Kommunisten glatt überrumpelt worden, hat aber ein paar Tage später das Geschehene für nichtig erklärt und widerrufen. Bleibt zu hoffen, daß die Erklärungen der beiden Sprecher der SPD und der CDU im Stadtparlament offene Ohren finden: man werde in Zukunft "wachsamer" und "hellhöriger" sein...