Ein großes Rätselraten setzte nicht nur unter Theologen ein, als unter den Funden von Nag Hamadi auch ein unbekanntes Evangelium, das Thomas-Evangelium, auftauchte. Es enthält unbekannte Sprüche Jesu. Was es mit diesen auf sich hat und wie das Thomas-Evangelium sich zu den kanonischen Synoptikern – den Evangelisten Lukas, Matthäus, Markus und Johannes – verhält, das untersuchte in einem NDR-Nachtprogramm der Utrechter Theologe Professor Gilles Quispel.

Nach seiner historisch-kritischen Textanalyse stellt das Thomas-Evangelium eine ursprüngliche Überlieferung aus dem Judenchristentum dar. Sie ist eine unabhängige, aber höchstens in einzelnen Fällen eine bessere als die bekannte Tradition. Die Darstellungsweise der Christussprüche zeugt im Thomas-Evangelium von jüdischem Gesetzesdenken, dessen Begriffe auf die Verkündigung Christi angewandt worden sind. Nach der persönlichen Ansicht von Quispel gehörte dieses Evangelium zu den, aramäisch geschriebenen Apokryphen der judenchristlichen Gemeinde. Sowohl die Abweichungen wie die Übereinstimmungen in Aussprüchen Jesu, wie sie zwischen Thomas und den Synoptikern bestehen, müssen nach Quispels Meinung einem unvoreingenommenen Betrachter die Zuverlässigkeit unserer Evangelientradition bestätigen. Das ist eine Feststellung von großer Tragweite, und zwar nicht nur für Theologen, sondern für alle Christen. Im zweiten Jahrhundert, als die Evangelienharmonie Tatians entstand, war die inzwischen verschollene und erst jetzt wieder entdeckte Tradition des Thomas-Evangeliums noch bekannt. Das führt unter anderem zu der Feststellung, daß das altsächsische Gedicht "Der Heiland" eine bessere Evangelienharmonie bietet als der Evangelist Matthäus, weil dem "Heliand" auch die Thomas-Tradition bekannt war.

Andere Forscher, so berichtete Quispel, führen nur die Hälfte, der Christussprüche des Thomas-Evangeliums auf judenchristliche Überlieferung zurück. In der anderen Hälfte spiegelt sich nach dieser Auffassung eine liberale, aus griechischen Quellen gespeiste Anschauung der christlichen Verkündigung. Der freisinnige Verfasser dieser anderen Hälfte des Thomas-Evangeliums müsse in Syrien oder Ägypten gesessen haben. Er habe die judenchristliche Entwicklung von der Orthodoxie zur Esoterik derart durch griechische Begriffe unterbaut, daß auch ein griechisch gebildeter Mensch das neue Christentum verstehen konnte. Von hier aus ergeben sich durch den Fund neue Einblicke in das Entstehen der Gnosis, jener christlichen Theologie, die im zweiten Jahrhundert das Christentum weitläufig machte. – Der Text des Thomas-Evangeliums wird demnächst in einem Leidener Verlag veröffentlicht werden.

–aco–