Funk und Fernsehen der Woche:

In welche Art von Schulen unsere Kinder künftig gehen sollen – das ist eine Frage, über die im Deutschen Fernsehen letzte Woche von mehreren Pädagogen und einigen Nicht-Pädagogen ein Gespräch f" Umbau der deutschen Schule?") geführt wurde. Es fand im Kölner Studio statt. Der Deutsche Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen hat ein neues Schulschema entworfen, das viele Probleme auf wirft und jedermann angeht – also auch ein Thema fürs Fernsehen. Dabei wurde nun einmal mehr – jetzt aber ganz – deutlich, wie Diskussionen im Fernsehen nicht sein sollten.

Es bestätigte sich, daß die Sendezeit für komplizierte Themen stets zu kurz bemessen ist. Will man den Gesprächsleiter – in diesem Falle Hans Otto Wesemann – nicht in die Verlegenheit bringen, den Rednern immer wieder das Wort abzuschneiden, weil die Zeit drängt, nachdem anfangs zu breit referiert wurde, und soll der Zuschauer – Hörer müßte man eigentlich sagen – von einem halben Dutzend kluger Männer und Frauen mehr als Stichworte, nämlich ein Gespräch hören, aus dessen Argumenten man sich eine Eigene Meinung bilden kann, dann wird nichts anderes übrigbleiben, als eine Art "Nachtprogramm" für anspruchsvolle Themen an die allgemeine Sendezeit anzuhängen.

Je weniger gestellt oder "abgesprochen", je echter scharfe Sachgespräche verlaufen – das zeigte kürzlich auch eine Attacke gegen die Verantwortlichen des Straßenbaues – desto verwirrender für den Hörer bleiben die Argumente in Raum stehen. Bei jenem Gespräch über das Verkehrschaos konnte man jedoch Möglichkeiten beobachten, die der Fernseh-Regie gegeben sind. Damals richtete die Kamera ihr Auge immer wieder auf einige besonders markante Teilnehmer und fing deren stumme Reaktion ein, während ein anderer sprach. So könnte das auf die Dauer langweilige Bild von Fernsehdiskussionen ins Gespräch einbezogen werden. Freilich lauert hier eine neue Gefahr: das posierende Spiel eines selbstbewußten Redners, das auf den Zuschauer zielt. Da wird im Fernsehen bald die Person wichtiger als die Sache. Vor dem Bildschirm sieht man einem Redner zunächst zu, in zweiter Linie erst hört man.

Als vor kurzem einige Ärzte im Baden-Badener Studio sich über den Herzinfarkt unterhielten, trank der eine Bier, der andere Wein, ein dritter Kaffee oder Tee. Diese scheinbare Lebendigkeit einer "natürlichen" Gesprächssituation entwickelte ihre eigene, ungewollt komische Dynamik. Sie beschäftigte den Zuschauer mit der Frage: Warum trinkt der dies und jener das? Wann wird er wohl wieder zum Glase greifen?

Ob solche unerwünschten Zufälligkeiten sich ganz ausschalten lassen, sei dahingestellt. Ernstlich zu erwägen bleibt die Frage, ob Diskussionen, wie sie das Fernsehen bisher bot, nicht in den Hörrundfunk gehören. Daß der Diskussionsrednei sichtbar ist, bildet vorläufig den Störungsfaktor einer gutgemeinten Unterrichtung. J. J.