Soll die Befriedigung des Nachholbedarfs bis zur nächsten Flaute vertagt werden?

Von Erwin Topf

Zweifellos ist die konjunkturelle Entwicklung der letzten Monate bei uns im Bundesgebiet nicht ganz so solide fundiert, nicht so kerngesund, wie man sich’s wünschen dürfte. Es gibt eine Reihe von neuralgischen Punkten. Also etwa die Übernachfrage nach Arbeitskräften, die auf eine Überbeschäftigung hinzudeuten scheint, ferner die gespaltene Tendenz am Kapitalmarkt, mit Überbewertung der Aktien, aber relativ geringer Aufnahmefähigkeit für festverzinsliche Werte, und dann auch die starke – "spekulative" – Verteuerung für Bauland, die offenbar eine unerfreuliche Konsequenz einer reichlichen Versorgung des Baumarktes mit verbilligten öffentlichen Krediten darstellt.

Es ist nötig und durchaus verdienstvoll;-auf die bedenklichen Symptome der Konjunkturlage hinzuweisen, wie das etwa kürzlich Geheimrat Prof. Adolf Weber (München) in einer Artikelserie im "Industriekurier" getan hat. Freilich läuft der Autor deshalb Gefahr, sich um die eigene Wirkung zu bringen, weil er seine Darlegungen mit allzuviel Beiwerk belastet.

Das betrifft zunächst einmal die Feststellung, der Verfasser habe "noch vor einem halben Jahr fast einsam auf weiter Flur gestanden", als er vor dem nur mit Scheinargumenten begründeten Optimismus der Konjunkturinstitute warnte. "Mittlerweile", so fügt er hinzu, "mehren sich aber die Stimmen, die warnen." – Nun, auch das Gegenteil ist richtig: beispielsweise hat das Wirtschaftswissenschaftliche Institut der Gewerkschaften in Köln noch im Herbst und Winter recht pessimistische Prognosen erstellt. Erst jetzt ist es in die Front der anderen Konjunkturinstitute eingeschwenkt, die das wirtschaftliche Geschehen fast ohne Einschränkung positiv werten. Und das, obwohl der Umschwung vom in- und ausländischen Investitionsgeschäft her seinen Ausgang genommen hat‚ und also nicht, wie man es zunächst als notwendig bezeichnet hatte, von einem "autonomen Zuwachs der Masseneinkommen" ausgelöst war: von der Verbrauchsseite her also, im Sinne einer durch Preissenkungen angeregten Mengenkonjunktur. Davon ist, wie Prof. Weber mit Recht feststellt, jetzt überhaupt nicht mehr die Rede.

Wir haben es vielmehr eindeutig mit einem Investitionsboom zu tun, der vorwiegend auf der künstlich "aufgepulverten" Wohnungsbauwirtschaft basiert.

Was nun aber die frühzeitigen Warnungen Adolf Webers ("schon vor einem halben Jahr") anbetrifft, so handelt es sich um einen Aufsatz, der unter dem Titel "Hier irrt die Konjunkturforschung!" in Heft 23 der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen Anfang Dezember 1958 erschienen ist.