Große Kunst nicht ,,gesellschaftsfähig"? – Seite 1

Entwürfe, die preisgekrönt, aber nicht ausgeführt werden

Vor zwei Jahren ist an dieser Stelle ein krasses Beispiel für die Behauptung genannt worden, daß von den tausendundzwei städtischen und staatlichen "Kulturpreisen" die meisten kostspieliger Unfug seien. Die Stadt Kiel hatte ihren jährlich zur "Kieler Woche" der Segelregatten fälligen Kulturpreis 1957 Gustaf Gründgens angetragen, Und Gründgens hatte ihn wegen parteipolitischer, kommunaler Begleitmusik dankend abgelehnt.

Ein großer Künstler brachte damals den Mut auf, einer Landeshauptstadt coram publico – wenn auch indirekt – nachzuweisen, sie meine mit ihrer Dotation weder die Kunst noch den Künstler. Sie dekoriere mit einer Geldprämie für einen unangefochten berühmten Mann eigentlich nur sich selber, den scheinbaren Kunstmäzen.

Inzwischen sind die Kieler Gremien in sich gegangen. Sie haben pausiert und warteten zur "Kieler Woche", die kürzlich stattgefunden hat, mit dem Ergebnis eines internationalen Wettbewerbs auf. Nach dem amtlichen Text sollten "die beiden Hauptzweige der bildenden Kunst gefördert werden": die Malerei durch ein großes Wandgemälde für das Foyer des Stadttheaters, die Bildhauerei durch eine Freiplastik, die an einer zentralen Stelle im Stadtbild ein künstlerisches Wahrzeichen Kiels bilden möge.

Die Kieler sollen nicht zum zweiten Male getadelt werden. Sie waren ja einsichtig und begingen von den üblichen Wegen; Kunst zu "fördern", diesmal einen, auf dem weder der Magistrat noch der Kultursenat, sondern eine fachliche Jury feststellen sollte, was Kunst sei.

Die Preissumme von 16 500 DM ist verteilt worden. Ob und von wem jedoch die weiteren 55 000 DM in Anspruch genommen werden dürfen, "die für Auftagsdurchführungen vorgesehen" sind, das wissen nur die Kieler Rathausgötter. Eine Wandmalerei für das Theater ist "zur Ausführung vorgesehen". Doch in der prekären Frage der Freiplastik, des Kieler Wahrzeichens im Stadtbild, konnte sich nicht einmal "das Preisgericht entschließen, eine der ausgezeichneten Arbeiten zur Ausführung zu empfehlen".

An dieser Stelle wird die Kieler Künstlerpleite allgemein interessant. Wir fragen nicht nach dem Rang der einzelnen in Kiel ausgezeichneten und im selben Augenblick abgelehnten Entwürfe. Es gibt ein deutsches Wettbewerbselend. Auf eine Formel gebracht, ist es der Zwiespalt zwischen innerem und äußerem Auftrag.

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In Berlin soll eine neue Philharmonie gebaut werden. Die Jury von Kunstexperten erteilte dem Architekten Scharoun den ersten Preis. Dieselbe Jury mußte mit Rücktritt und Skandal drohen, mußte selber in die Niederungen kommunalpolitischer Kontroversen hinuntersteigen, damit ihrem Erwählten außer dem Preis auch der Auftrag gesichert werde. Es gibt Fachleute, die den "inneren Auftrag", nämlich den Kunstrang, erkennen können. Aber sie werden ebenso wie die Wettbewerbskünstler für ihre dankenswerten "Dienste" von der Kommune honoriert. Dann stellt man sie – sagen wir’s milde – "zur Disposition". Das letzte Wort beanspruchen dann die Anwälte des "äußeren Auftrags";

Gesellschaft und Künstler – äußerer und innerer Auftrag sind seit langem auseinandergefallen. Schicksalsmäßig. Sollte irgendwo heute große Kunst entstehen, sie ist keine bürgerliche, keine gesellschaftsfähige Kunst. Sie schlägt Alarm.

Mitten in Rotterdam steht eine Freiplastik. Das ist ein zerrissenes Gebilde. Es zeigt einen schon halb zerfetzten Menschen im Aufschrei gegen das deutsche Stuka-Bombardement im zweiten Weltkrieg. Dieses Monument des Entsetzens ist gewiß nicht als Demonstration gegen die Deutschen errichtet worden. Kommen sie als Gäste Schuiwesens heute nach Rotterdam, sie verweilen still und werden bescheiden.

Nein, diese Schicksalsreminiszenz statuierten die Rotterdamer für sich selbst als Gegenbild zu dem im übrigen höchst soliden, sehr intakten "wiederaufgebauten" Stadtbild. Hier ist ausnahmsweise einmal der innere Auftrag" eines Künstlers von Bürgern akzeptiert und öffentliches Monument geworden. Jac