O-kami-san bediente uns beim Essen und ließ die winzigen Porzellanschälchen mit dem warmen Sake niemals leer werden. Sie unterhielt uns. Aber sie ist keine Geisha. Die Kunstdamen werden aus einem Geishahaus geholt, wenn Gäste sie verlangen. Die "gebildeten Personen" seien zur Belustigung der Gäste da, mit Musik und Tanz, mit Spielen oder feiner, gebildeter Unterhaltung. Das käme ganz auf die Gäste an. Wenn Finanziers, große Konzerne, Schiffahrtsgesellschaften und Politiker solche Parties geben, dann kommen nur Erster-Klasse-Geishas in Frage, die außer den üblichen Künsten einen raschen, witzigen Dialog führen und die Gespräche in Gang halten können. Europäer interessieren sich immer für die jungen Geishas, Japaner ziehen die erfahrenen vor, mit denen sie eine stilgerechte Konversation führen können, die aus geistvollen und pikanten Anspielungen und halbausgesprochenen Dingen besteht. Geisha-Parties enden meistens mit dem Abschluß des Geschäfts. Einige im Hotel, In japanischen Zeitungen steht, daß auch inhaltsschwere Umschläge von den hübschen Geishas überreicht werden auf solchen Parties, "Bestechungsgelder", charmant verpackt...

In den langen Pausen, ehe ein neues Gericht gereicht wurde, brachte mir der bei Reiswein vergnügt gewordene Fabrikherr zur Belehrung Geisha-Spiele der stilleren Sorte bei, mit denen man die Zeit vertreiben und relaxen kann. Und weil sich schon das amerikanische Wort eingeschlichen hatte, klärte mich O-kami-san, sich langsam in der fremden Sprache vorwärtstastend, darüber auf, daß nach der Invasion das amerikanisierte Wort güsha-girl eigentlich das meinte, was in Deutschland das "Fräulein" war. In den unteren Rängen des Unterhaltungsgewerbes spricht man in Japan jedoch nicht mehr von Geishas, sondern von Joro, den Straßenmädchen, oder panpans. Das Wort pain (Brot) soll sich darin verstecken. Brotverdienerinnen, die während der Besatzungszeit die Eltern, die ganze Familie ernährten. Gar nicht wenige wurden geheiratet und wohnen jetzt in den USA, wenn nicht die Soldaten in Japan blieben und "tatamisierten". Viele sind im Lande untergetaucht.

Eine ganz andere Kategorie sind die Call-girls, die Tanzmädchen in den Nachtlokalen (übrigens schließen die meisten Nachtlokale selbst in Tokio um 12 Uhr). Es gibt unzählige Zwischenstufen, und die vielen Vergnügungsviertel in Städten wie Tokio, Kioto, Kobe oder Osaka haben alle einen anderen Charakter und einen eigenen Stil. Vieles ist geheimnisvoll, kompliziert und für den Fremden schwer zu verstehen. In Liebesszenen im Kabuki-Theater kann er den behutsamen, sublimierten Sinn für den höheren Stil der Erotik kennenlernen, der in Japan in allen Schichten des Volkes zu Hause ist.

Während ich über die ganze Breite des spiegelblanken Lacktisches eine vorsichtig aufgestellte Zigarette anvisierte und durch einen schnellen Trick mit einem Streichholz so traf, daß sie umfiel, wurde mir von einer großen Dame aus dem obersten Rang des Unterhaltungsgewerbes erzählt. Auch ein zweites Mal gelang der Trick mit der Zigarette. Diese klugen Mädchen scheinen zu wissen, daß dem Gast das Bewußtsein der eigenen Geschicklichkeit ein Hochgefühl verschafft und gute Laune bereitet.

Das Thema Geisha, das im Leben Japans eine so wichtige Rolle spielt, ist hier nicht tabu. Man spricht offen darüber, daß die einzelne Geisha käuflich ist zu einem festen, ziemlich ansehnlichen Preis und, wie ein deutscher Schriftsteller, der dazu eingeladen wurde, hinzufügte, "oft mit allem, was in solchen Fällen üblich ist..." Die Geishas erster Klasse nun, die noch so etwas wie Kurtisanen großen Stils sind, haben einen Schirmherrn, der sie finanziert. Sie leben weiter im Geisha-Haus, stehen ihm aber jederzeit zur Verfügung. Sie kosten viel Geld, und wenn sie berühmt sind, tragen sie zum Renommee des Mannes bei, der ihr Leben bezahlt. Sie sind sehr kostbar gekleidet, handgestickte Kimonos können 1500 Mark kosten. Sie brauchen viele davon, um die Geishas der anderen reichen Herren übertrumpfen zu können, und Juwelen und Pflege. Selbst ein deutscher Wirtschaftswundermann würde es sich überlegen, ob er 5000 bis 6000 Mark dafür aufwenden kann.

Auch in Europa gibt es in der großen Welt der high-society heute unter den "Künstlerinnen" viele Statistinnen und Modelle, die Gunst für ein kostbares Armband oder einen Pelzmantel gewähren, und der Übergang vom Geschenk zum Scheck ist fließend. Nur so ehrlich sind sie nicht, nicht so gebildet und nicht so leicht zu erkennen wie die Hetären des Ostens.

Diese großen japanischen Kunstdamen sind sehr exklusiv. Ich erlebte nachts im Vergnügungsviertel Shimbashi, wie eine der stark gepuderten, parfümierten Unterhalterinnen lautlos in einer geschlossenen Rikschah vorbeirollte, die von einem Mann gezogen wurde. Sie besteigen keine Autos, was auch mühselig ist mit den hohen, kunstvollen Frisuren. Am Tage tragen die Geishas Röhrenhosen, wenn sie mit ihren Schirmherren zusammen Auto fahren oder Golf spielen. Manche werden die Geliebte, manche heiraten den Schirmherrn. Viele schlagen die Heirat aus, weil sie das Leben einer Ehefrau, trotz aller Reformen, für beschränkt halten und das der Arbeiterinnen für trübselig. Sie leben im goldenen Käfig. Man kann auch, wenn man älter wird, noch lange Geisha bleiben. Und wenn es glückt, wird man selbst "Mamasan", bildet die Mädchen aus und wird womöglich "fliegende Wirtin", die Zweighäuser in anderen Städten unterhält.