Das körperhaft Nervöse, dabei formal Ausgewogene, Abgerundete und im besten Sinne Vollständige der neu-asiatischen Kunst könnte vermuten lassen, daß in jenen Ländern überhaupt nur Meisterwerke entstünden. Aber wir wissen, daß dort die Produktion ebenfalls Rekordzahlen aufweist und daß die Bücher, die bei uns bekannt werden, schon eine Auslese darstellen. Überdies haben sie sich meistens bereits durch Übertragungen in vielerlei Sprachen und durch Kritiken in vielerlei Blättern bewährt, bevor sie im Lichte des deutschen Idioms erkennbar werden.

Dies alles gilt für:

Osamu Dazai: "Die sinkende Sonne"; aus dem Japanischen von Oscar Benl; Hanser Verlag, München; 167 S., 9,80 DM (brosch. 4,80 DM).

Es ist in diesem Roman vom Untergang des japanischen Adels die Rede. Wir finden etwas Vergleichbares bei Eduard von Keyserling. Und der Vergleich kommt nicht von ungefähr. Japan ist bei seinem erfolgreichen Versuch, die Literatur des Westens einzuholen, stilistisch und stimmungsmäßig jetzt wohl bei den Vätern unserer Romanprosa, bei Flaubert und Tschechow etwa, angelangt. Dazais Heldin Kazuko, als deren Lebensbeichte der Roman sich gibt, spielt mit diesen Namen, die gleichzeitig als Signale einer edlen Trostlosigkeit begriffen werden und ihm den Weg zu Sexualethikern wie D. H. Lawrence und Sozialreformern wie Rosa Luxemburg teilen. Dabei wird deutlich, daß die bei uns bereits angewelkten Verkündigungen gerade eines D. H. Lawrence im heutigen Japan auf fruchtbaren Boden fallen, da die ebenso starren wie wundervollen Formen heroischer Daseinsbewältigung durch den verlorenen Krieg zerbrochen sind und der ins Leere pendelnde Lebenswille nach neuen Fassungen sucht.

Japan hält heute etwa dort, wo Wir 1920 hielten. Daß es ihm mißlingt, unsere jüngste Literatur mit hineinzunehmen in seine Wegsuche, zeigt sich an der schrecklich öden Art, mit der es den Existentialismus exerziert.

Auch davon ist einiges in Dazais Roman gerutscht. Es figuriert dort als rauschgiftsüchtiger Bruder der Heldin, der sich einen Schriftsteller zum Vorbild genommen hat, dem jeder Untergang recht ist, nur schrecklich genug muß er sein;

Trotzdem handelt es sich um einen Roman, dem viel Einsicht in gegenwärtiges Japan abzugewinnen ist; wobei man nicht einmal zwischen den Zeilen zu lesen oder hinter die Kulissen zu Rücken braucht.