Kaffeestunde für Jungbürger – Seite 1

RH-Hamburg

Zur Vollendung Ihres 21. Lebensjahres übermittle ich Ihnen herzliche Glückwünsche und verbinde damit die besten Wünsche für gute Gesundheit und für Erfolg auf Ihrem künftigen Lebensweg. Heute beginnt für Sie ein neuer Lebensabschnitt. Sie werden wahlberechtigt und mitverantwortlich für das Gemeinwesen, in dem Sie leben. Ich kann mir vorstellen, daß Sie den Wunsch haben, die Verwaltung und ihre ehrenamtlichen Organe kennenzulernen. Daher werde ich mir gestatten, Sie in nächster Zeit zusammen mit gleichaltrigen Damen und Herren zu einem Beisammensein mit Vertretern Ihrer Verwaltung einzuladen

Unterschrift: Braasch, Bezirksleiter. Absender: Freie und Hansestadt Hamburg, Bezirksamt Hamburg-Nord.

Der mündig gewordene Bürger in Hamburg-Nord bekommt diesen Glückwunsch schön gedruckt auf einer gefalteten Karte ins Haus geschickt, und es dauert nicht lange, dann hält er auch die angekündigte Einladung in den Händen: "...wir wollen uns hierbei zwanglos über Probleme aus dem kommunalen Leben Hamburgs, vornehmlich unseres Bezirks, unterhalten. Ich bitte, den beigefügten Vordruck auszufüllen und ihn unter Benutzung des ebenfalls beigefügten Freiumschlages zurückzusenden."

Seitdem man im Februar 1958 in Hamburg-Nord (und in Wandsbek) begonnen hat, die sogenannten Jungbürger einzuladen – das "Kuratorium für Staatsbürgerliche Bildung eine nach Berliner Vorbild gegründete überparteiliche Organisation, ergriff die Initiative – haben durchschnittlich vierzig v. H. der "gleichaltrigen Damen und Herren" das Bedürfnis gehabt, etwas über das Gemeinwesen zu erfahren, für das sie nun mitverantwortlich geworden sind. Teils schrieben sie freundliche Briefe, in denen sie erklärten, daß eine Lehre fern von Hamburg, der Aufenthalt in einer Kaserne oder Krankheit sie augenblicklich hinderten, den Abend bei Kaffee, Fruchtsaft und Flaschenbier in der Kantine des Bezirksamtes mitzuerleben. Teils aber kamen sie gern. Und von denen, die kamen, nahmen viele die günstige Gelegenheit wahr, zu erfahren, was sie schon lange einmal gern wissen wollten:

"Wie können Jungverheiratete ohne Baukostenzuschuß zu einer Wohnung kommen?"

"Was geschieht mit der Lohnsummensteuer? Muß das sein?"

Kaffeestunde für Jungbürger – Seite 2

"Was blüht mir bei den Soldaten?"

"Hat unser Handwerk noch goldenen Boden?"

"Was mache ich mit den Raten für mein Moped, wenn ich jetzt eingezogen werde?"

"Wie weit ist es mit den Studentenwohnheimen?"

"An wen und für was werden öffentliche Gelder gezahlt?"

"Welche Rolle spielt die Frau in der Kommunalpolitik?"

"Wie ist die Verwaltung aufgebaut?"

Kaffeestunde für Jungbürger – Seite 3

Fragen wie die letzte versucht man durch ein schöngedrucktes "Schaubild" zu beantworten, auf dem oben unter einem Hamburger Wappen die Stimmzettel in eine Wahlurne fallen und unten Senat und Bürgerschaft, Bezirksausschüsse, Fachausschüsse, Ortsausschüsse, zwölf Behörden, die Gerichte, der Rechnungshof und anderes mehr herauskommen. Und die Broschüre "Mein Leben als Bürger" klärt darüber auf, was man für den Staat zu tun und von ihm zu erwarten hat.

Aber die Verteilung von Gedrucktem ist nicht der Sinn der Einladung, und die Beamten des Ortsamtes, für die diese "Jungbürgerabende" nicht nur Unterhaltung, sondern viel zusätzliche Arbeit bedeuten, stehen mit freundlichen Gastgebergesichtern bereit, wenn um acht Uhr abends die ersten erscheinen: die Damen, mit Wippröckchen oder in schmaler Linie sonntäglich geschmückt, treten meistens im Geleitzug ein. Bestrebt, nicht schüchtern im Schatten junger Mädchenblüte, sondern besonders sicher und selbstbewußt aufzutreten, nähern sich die männlichen Mündigen. Sie reiben sich das frischrasierte Kinn, und während mancher noch lässig den Schlips zurechtrückt, scheint sein Gesicht auszudrücken: "Zu beeinflussen bin ich nicht, meine Herren. Ich bilde mir meine politischen Ansichten selbst und lasse mir nichts vormachen."

Die Männer, die bereit sind, ihnen etwas zu berichtigen und ihnen Fragen zu beantworten, haben das auch gar nicht vor. Da warten darum auch nicht Herr Oberinspektor von der X-Behörde und der Bezirksvorsitzende von der Y-Partei, sondern Herr Weber und Herr Paulsen. Und Herr Weber und Herr Paulsen sind gebeten worden, nicht länger als zehn oder fünfzehn Minuten zu sprechen, weil auch junge Leute einschlafen, wenn’s langweilig wird.

Im Laufe von anderhalb Jahren hat der Bezirksleiter herausgefunden, wie es für alle am meisten Sinn hat – und Spaß macht. So hat er denn auch schon eine ganze Reihe von Dauerkunden Zu sogenannten "Zweiten Jungbürgerabenden" kommen die, die "den Kontakt vertiefen" und vieles gründlicher wissen möchten. Und das sind nicht nur Soldaten, die dadurch einen freien. Tag extra und beispielsweise eine nette Fahrt von Neumünster nach Hamburg gewinnen.