K. D. S., Buenos Aires, Ende Juni

In Buenos Aires‚ in Córdoba und in Rosario lieferten streikende Angestellte und Arbeiter der Polizei regelrechte Straßenschlachten. Feldgendarmerie patrouillierte schwer bewaffnet durch die Straßen der Hauptstadt. Der Dollar stieg, die Preise stiegen (und straften den Austerity-Plan der Regierung Lügen), die Altersrenten wurden immer knapper, weil sich die Kassen des inflationsbedrängten Staates von Tag zu Tag mehr leerten: Es war ungemütlich – in Argentinien während der letzten Wochen. Ein Staatsstreich, lag in der Luft.

Dennoch ist der große Eklat schließlich ausgeblieben. Staatspräsident Arturo Frondizi wurde nicht gestürzt, sondern nur entmachtet. Das Militär, die treibende Kräftegruppe in der jüngsten Krise, begnügte sich mit einem kalten Staatsstreich, und die Verfassungskontinuität der nachperonistischen argentinischen Demokratie erscheint – zunächst wenigstens – als gesichert.

In der ganzen Krise spielte ein Vertrag, den Frondizi im Februar 1958 mit dem Ex-Diktator Peron geschlossen haben soll und den Peron im Juni veröffentlichen ließ, eine hintergründige Rolle. Zwar hat ihn der Staatspräsident eilends als Fälschung bezeichnet, doch wirbelte die darin enthaltene Behauptung, er habe vor den Wahlen mit den Peronisten zusammengespielt und sich deren Wahlhilfe versichert, allerhand Staub auf. Die Affäre brachte zumal die Militärs in Bewegung jene Macht im Lande also, die einst den Sturz Perons bewerkstelligte und seitdem allen Anzeichen für ein peronistisches Wiedererwachen höchst mißtrauisch gegenübersteht.

Die drei Wehrmachtsteile entschlossen sich zum Handeln. Nicht zum Umsturz, wie es die Gorillas – die jungen revolutionären Offiziere – wohl gern gesehen hätten, sondern zur indirekten Machtergreifung nach den Vorstellungen der höheren und konservativ eingestellten Ränge. So erzwangen sie den Rücktritt des Unterstaatssekretärs des Heeres, Oberst Reimundes, forderten eine sorgfältige Untersuchung der undurchsichtigen Vertrags-Affäre und die Aufhebung der militärischen Zwangsverwaltung bei der Eisenbahn und anderen öffentlichen Betrieben. Die drei Wehrmachtsteile hatten es offenbar satt, Polizei zu spielen und dadurch eine Regierung zu stützen, in die sie kein Vertrauen mehr hatten.

Als Reimundes zurücktrat, schien die Krise abgewendet, doch lösten die harten Gegenmaßnahmen Frondizis gegen eine Reihe von Offizieren aufs neue Verbitterung in der Armee aus. Die Spannung wuchs wieder. Auch die Oppositionspolitiker mischten sich jetzt ein. Tagelang rannte man sich in Buenos Aires das Gerücht zu, der Staatspräsident solle gestürzt werden.

Frondizi wurde nicht gestürzt. Wer hätte auch an seiner Stelle die Präsidentschaft übernehmen sollen? Und welche Probleme hätte Frondizis Sturz überhaupt gelöst? Sollte etwa eine Militärdiktatur errichtet werden?