London, Anfang Juli

Wieder einmal wird in England die Frage heftig erörtert, ob es nötig oder vertretbar sei, daß Großbritannien als einzige westliche Macht außer den Vereinigten Staaten Atomwaffen besitze. Im Augenblick berührt das Problem vor allen Dingen die Sozialisten – die unter Umständen noch vor Jahresende die Regierung übernehmen mögen – aber es gibt viele Anzeichen dafür, daß es auch die Konservative Partei und die Regierung Macmillan erregt.

Drei Gründe vor allem haben die Diskussion der Atomfrage in der englischen Öffentlichkeit aufs neue entfacht:

Erstens treten die Gewerkschaften, die ja maßgeblich an der Festlegung der Labour-Politik beteiligt sind, jetzt weit weniger eindeutig für die britische Kernwaffenherstellung ein als zuvor.

Zweitens will die Debatte über die Schädlichkeit der Atomtests in der englischen öffentlichkeit nicht abreißen.

Drittens aber hat die Ankündigung, Frankreich werde bald seine erste Atombomben-Explosion durchführen, die Briten plötzlich, aber eindringlich erkennen lassen, was die Militärexperten schon seit einiger Zeit prophezeien: daß nämlich das Risiko eines künftigen Krieges unermeßlich erhöht würde, wenn weitere Nationen in den Besitz von Kernwaffen gelangten.

Letzte Woche schlossen die Sozialisten die erste Phase ihres "Umdenkens" mit einer gemeinsamen Erklärung der Parteiführer und des Gewerkschaftsrates zur britischen Atomrüstungspolitik ab. Darin brachten sie zum Ausdruck, daß sie noch immer für eine multilaterale Abrüstung sind, sich weiterhin zur NATO bekennen und sich schließlich auch in Zukunft jeglicher einseitigen Atomabrüstung durch Großbritannien widersetzen wollen. Doch enthielt die Erklärung auch einen neuen Vorschlag: Wenn Frankreich und die anderen Kernwaffen-Kandidaten übereinkämen, die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten allein im Besitz von Kernwaffen zu belassen, sei jede künftige Labour-Regierung bereit, die britische Atombomben-Produktion einzustellen und auf die bereits vorhandenen Bomben zu verzichten. In diesem Falle sollen die britischen Bombenbestände entweder demontiert und vernichtet oder aber den USA übergeben werden.