Die Hauptversammlungszeit der Kohle hat eingesetzt und mit ihr die Zeit der programmatischen Reden und Forderungen aus dem Kreise des bedrängten Bergbaus. Monate hindurch hatte es den Anschein, als leide die Kohle still vor sich hin. Doch der Schein hat getrogen. Nur noch vereinzelte Zechenunternehmen beschränken sich heute auf die konservative Forderung "Naturschutzpark für die heimische Kohle". Dagegen mehren sich die Beispiele dafür, daß der Bergbau das "Warten auf Bonn" überwunden oder mindestens aufgegeben hat und daß Gedanken und Maßnahmen zur Selbsthilfe einen breiteren Raum einzunehmen beginnen, als wohl selbst Optimisten vor Jahresfrist erwarten konnten. Eine revolutionäre Entwicklung hat eingesetzt. Revolutionär, weil die nüchternen Überlegungen des Kaufmanns sich durchzusetzen beginnen gegen den Mythos der bergmännischen Tradition. Daß dieser Standpunkt noch nicht die Generallinie des Bergbaus geworden ist, schmälert weder die Durchschlagskraft noch den Mut der Schrittmacher.

Der legitimierte Sprecher des westdeutschen Steinkohlenbergbaus, Bergassessor a. D. Dr. h. c. Helmuth Burckhardt, hat in diesen Tagen die Zeichen wiederum aufgefordert, die Verschnaufpause, die ihnen durch den Zoll und das Kohle-Öl-Kartell gewährt worden ist, zu schnellen und wirksamen Rationalisierungs-Maßnahmen zu nutzen. Eine größere Preisbeweglichkeit der Kohle, die auch einmal Preissenkungen zuläßt, müsse über eine Intensivierung aller kostensenkenden Möglichkeiten erreicht werden. Auch wenn es dem Bergmann (dem bereits während der akademischen Ausbildung beigebracht wird, daß es kaum eine größere Sünde gibt als den Raubbau) schwerfalle, sich von ungünstigen Kohlenflözen zu trennen oder gar ganze Gruben zu schließen, so wäre es unter den gegebenen Umständen doch falsch, die notwendigen Entschlüsse hinauszuschieben.

Auf den gleichen Tenor waren die Ausführungen der Verwaltung in der Rheinpreußen-Hauptversammlung gestimmt, wo es hieß "Leistungssteigerung ohne Fördersteigerung lautet das Gebot der Stunde". Die Kohle werde sich darauf einstellen müssen, daß sie keine Monopolstellung habe, sondern zu größtmöglicher Steigerung ihrer Leistungen gezwungen sei. Es ist verständlich, daß die aufkeimende Wettbewerbsfreude bei der Kohle sich an die Voraussetzungen eines "fairen Wettbewerbs" auf dem Energiemarkt – die vom Öl her nicht gegeben sind – klammert; aber auch die bei Rheinpreußen verordnete Therapie: Zusammenfassung von Revieren, Feldertausch zwischen den Bergbaugesellschaften, Zusammenschluß von Unternehmungen und Auslaufen unrentabler Anlagen, zielt erfreulicherweise in erster Linie auf eine Gesundung von innen her.

Eine geradezu verwegene Nuance hat der Stinnes-Generaldirektor Kemper in die Selbstbesinnungsthesen des Ruhrbergbaus gebracht, indem er an den Fundamenten des überkommenen Kohlenverkaufs rüttelte. Die Kohle,– so hieß es in der Stinnes-Hauptversammlung – habe manchePositionen unwiderruflich verloren, weil der Gemeinschaftsverkauf zu schwerfällig sei für schnell wirksame Kampfmaßnahmen. Die Stinnes-Zechen würden zu gegebener Zeit eine Entscheidung treffen, ob sie einem zentralen Verkauf weiter angehören wollten, wobei unmißverständlich auf die "guten eigenen Verkaufsgesellschaften" des Unternehmens hingewiesen wurde. Auch das Rheinpreußen-Vorstandsmitglied Curtius sprach sich in seiner Hauptversammlungsrede freimütig für den nötigen Ansporn zur Rationalisierung aus. "Schutz und Gemeinschaftsgedanke haben" – betonte Curtius im Hinblick auf das Kohlensyndikat, das Wohl schon in Einzelgesprächen, aber bisher kaum "offiziell" realistisch beurteilt worden ist – "das Schwergewicht auf Sicherheit der Erlöse, Sicherung der Versorgung und Beschäftigungsausgleich gelegt... Der Verlauf der jetzigen" – Krise zeigt, daß die Wahrung von Gleichheit und Gleichmäßigkeit dazu neigt, den Stand schlechter Zeichen nicht zu verbessern, dafür aber gesunde Unternehmen zu schwächen."

Daß bei der Kohle nicht nur zukunftssicher geredet, sondern mittlerweile auch gehandelt wird, beweisen Beispiele. Der neue Wind an der Ruhr wird nicht die – noch ansteigenden – mehr als 16 Mill. t Kohlenhalden wegblasen, aber er könnte die, ernste Strukturkrise in ein reinigendes Gewitter umwandeln. Ingrid Neumann