In Mainz ist am Wochenende der Christliche Gewerkschaftsbund Deutschlands (CGB) aus der Taufe gehoben worden. Familienminister Wuermeling überbrachte "Glück- und Segenswünsche" der Bundesregierung, und auch der Bundesvorstand der CDU ließ Grüße übermitteln. Im Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes aber ist man mit Recht alarmiert: Dem DGB ist durch den Zusammenschluß der christlichen Gewerkschaften eine gefährliche Konkurrenz erwachsen. Die Spaltung der Einheitsgewerkschaft ist weiter fortgeschritten.

Als die CDU-Bundestagsabgeordneten Winkelheide, Voß und Even im Herbst 1955 die erste Christliche Gewerkschaft in der Bundesrepublik gründeten, da schien ihr Unterfangen fast aussichtslos. Die "Winkelriede" – wie ihre Gegner sie nannten – hatten zwar eine Gasse in die Phalanx der Einheitsgewerkschaft geschlagen, aber nur sehr wenige waren ihnen auf diesem Weg gefolgt. Die alten Gewerkschaftler in der CDU, die Männer um Arnold und Kaiser, warnten vor den "Spaltern", und die Christlich-Soziale Kollegenschaft im DGB distanzierte sich scharf von ihnen.

Der DGB selbst nahm diese Neugründung nicht sehr ernst. Jedenfalls behielt er genau den Kurs bei, der die christlichen Dissidenten zum Absprung bewegt hatte. Nach wie vor vertrat er mit Vehemenz die Parolen des Klassenkampfes, und mit der parteipolitischen Neutralität nahm er es nicht eben genau. Die "Christlichen" im DGB schließlich wurden – nicht zuletzt durch ihre eigene organisatorische Unfähigkeit – immer mehr überspielt.

Der DGB hat es sich also zum guten Teil selber zuzuschreiben, daß die "Winkelriede" von damals heute eine beträchtliche Gefolgschaft haben. Zwar sind die 180 000 Mitglieder des neuen Verbandes, dessen Vorsitzender samt der Hälfte der Mitglieder aus dem Saarland kommt, im Vergleich zu den 6,3 Millionen des DGB noch immer ein kleines Häufchen. Aber im Gegensatz zu 1955 scheinen die christlichen Gewerkschaften heute einen festen Rückhalt in der CDU zu haben. Zwanzig Bundestagsabgeordnete gehören zu ihren Mitgliedern, und Minister zählen zu ihren Förderern. Der DGB wird sie jetzt ernst nehmen müssen.

Der Konkurrenzkampf aber mag leicht dazu führen, daß zwei Richtungsgewerkschaften in die Stelle der Einheitsgewerkschaft treten: die eine – der CGB – eng der CDU verbunden, die andere – der DGB – noch mehr als bisher an die SPD angelehnt. Und der kleine christlichsoziale Flügel des DGB, der bisher oftmals als Bremsklotz gegen eine parteipolitische Radikalisierung gewirkt hat, steht in der Gefahr, in diesem Konkurrenzkampf zerrieben zu werden.

Rolf Zundel