Mit Gelassenheit kann die Verwaltung der Mannesmann AG, Düsseldorf, der Hauptversammlung entgegensehen. Die Aktionäre – Mannesmann gehört zu den wenigen großen Montankonzernen in ausschließlichem Streubesitz – dürften mit dem Jahresabschluß für 1958, der bei anderen Gesellschaften der westdeutschen Montanindustrie viel stärker das konjunkturelle Unwetter bei Kohle und Stahl widerspiegelt, eigentlich recht zufrieden sein. Die Dividende ist wieder mit 10 (10) v. H. vorgeschlagen worden. Aber im Gegensatz zum Vorjahr muß Mannesmann für diese Ausschüttung ganze 10 Millionen DM mehr aufbringen; denn die jungen Aktien aus der Kapitalerhöhung von 1957 sind erstmalig voll dividendenberechtigt. Außerdem ist das Kapital im vorigen Jahr für das Umtauschangebot an Essener Steinkohle nochmals um 20 auf 580 Mill. DM erhöht worden. In einem Gespräch mit der Wirtschaftspresse erklärte der Vorstandsvorsitzer Bergassessor a. D. Dr. Hermann Winkhaus, daß die Dividende "ohne Schwierigkeiten" gezahlt werden könne. Einen solchen Kommentar hat es in diesem Jahr bei keiner anderen Montangesellschaft gegeben. Allerdings hat Mannesmann im Gegensatz zu früheren Jahren darauf verzichten müssen, Teile das Ergebnisses in die Reservenbildung zu stecken. Dennoch haben die Erträge ausgereicht, um die steuerlichen Möglichkeiten – vor allem bei der Bemessung der Abschläge auf die Vorräte – voll auszuschöpfen.

Daß Mannesmann während der Kohle- und Stahlflaute im vergangenen Jahre vergleichsweise wenig Federn lassen mußte, liegt nicht zuletzt an dem breiten Fächer des Produktionsprogramms, der dem Konzern eine viel beneidete Krisenfestigkeit sichert. Die für den Gesamtkonzern unbedingt befriedigende Ertragsrechnung ist weitgehend den weiterverarbeitenden Töchtern zu danken. Während das Unternehmen in vorigen Jahr bei nicht unerheblich gestiegenen Umsatz ein etwa gleichgebliebenes Geschäftsergebnis ausgewiesen hatte, haben sich in 1958 die Fronten nahezu verkehrt: bei rückläufigem Umsatz wird ein erhöhter Rohüberschuß ausgewiesen. Dazu wird erklärt, daß die Ergebnisverschlechterung auf der Kohle-, Hütten- und Röhrenseite, die über den Umsatzrückgang hinausging, durch eine Steigerung der Erträge bei den weiterverarbeitenden Töchtern aufgefangen werden konnte. Einen gewissen – nach der Umwandlung der Grundstofftöchter in Betriebsabteilungen leider erschwerten – Einblick in die Konzernrechnung vermittelt eine prozentuale Aufgliederung des Betriebsergebnisses, die besonders die unterschiedliche Ertragsentwicklung in Konzern unterstreicht. An dem Rohüberschuß von 1,073 (1,02) Mrd. DM waren die Stahl- und Röhrenwerke nur noch mit 43,24 (64,75) v. H., Kohle-, Erz- und Rohstoffbetriebe mit 3,12 (6,26) v. H. beteiligt, während der Anteil der Produktionstöchter und -beteiligungen auf 38,58 (17,42) v. H. geklettert ist.

In den Umsatzzahlen schlagen sich die Absatzschwierigkeiten bei Kohle und Stahl nieder. Erstmalig seit Jahren hat sich der Mannesmann-Umsatz um 7 v. H. auf 3,315 (3,566) Mrd. DM ermäßigt, wobei der im Vorjahre mit 3,955 Mrd. DM ausgewiesene Gesamtumsatz auf Grund der in 1958 vorgenommenen Umwandlung der Mannesmannröhren-Werke AG, Mannesmann-Hüttenwerke AG, Hahnsche Werke AG, Gewerkschaft Mannesmann, Mannesmann-Rohstoffwerke GmbH und der Essener Steinkohlenbergwerke AG durch Abzug der zwischen diesen Gesellschaften getätigten Umsätze vergleichbar gemacht worden ist. Der Kundenumsatz lag mit 2,602 (2,769) Mrd. DM um 6 v. H. unter dem des Vorjahres. Der Exportanteil ermäßigte sich auf 25,8 v. H. gegenüber 28,2 v. H. in 1957.

Erstmals nennt Mannesmann den Umsatz seiner Auslandsbeteiligungen mit 353 Mill. DM in 1958. Wie die Verwaltung in der Pressekonferenz mitteilte, wird im nächsten Jahre die ausführliche Berichterstattung über die ausländischen Tochtergesellschaften aufgenommen werden; sie dürften allmählich "publizitätsreif" geworden sein. Nach den Worten des Vorstandsvorsitzenden Winkhaus ist besonders die Companhia Siderurgica Mannesmann, Belo Horizonte (Brasilien), ein Beweis dafür, daß man bei Auslandsinvestitionen "Geduld haben" müsse, um dann aber "viel Freude zu ernten". Die dortige Produktion findet eine viel breitere Absatzbasis als ursprünglich angenommen worden ist. Die Kapazität wird daher jetzt auch auf das Dreifache erweitert werden. Belo Horizonte konnte im Berichtsjahre seinen Umsatz verdoppeln. Gegenwärtig ist das Werk mit Aufträgen bis Ende des Jahres eingedeckt. Aber auch die kanadische Röhrentochter, die Mannesmann Tube Co. Ltd. Sault Ste. Marie/Ontario, deren Absatzmöglichkeiten im Berichtsjahre noch durch die Drosselung der kanadischen Erdölproduktion beeinflußt war, erfreut sich nunmehr eines wesentlich besseren Geschäftsganges.

Der deutliche Unterschied zu 1958 ist jetzt im gesamten Konzern spürbar. Die Auftragseingänge beim Stahl werden als gut bezeichnet, und auch der Röhrenmarkt zieht langsam an. Die Röhrenwerke verfügen über einen Auftragsbestand von 6 Monaten, während die hereingenommenen Walzstahlaufträge bewußt auf 3 Monate beschränkt bleiben. In der Erklärung, daß sich der Konzernumsatz in den ersten 5 Monaten dieses Jahres fast auf der Höhe des ersten Halbjahres 1958 gehalten hat, präsentiert sich der Vorsprung der Mannesmann AG vor anderen Montanunternehmen, die bei einem Vergleich der noch guten ersten Monate 1958 mit dem besonders schlechten Jahresanfang 1959 durchweg erhebliche Rückschläge aufweisen. Auch die Ertragslage habe sich gegenüber dem Berichtsjahre gebessert, war in der Pressekonferenz zu hören, ohne daß damit jedoch eine vorausschauende Beurteilung des laufenden Jahres verbunden wurde. Für die Aktionäre dürften sich aber die Erwartungen für 1959 mindestens im Rahmen des Berichtsjahres realisieren lassen.

Von dem allgemeinen konjunkturellen Aufatmen im Mannesmann-Bereich sind nur die Bergbaubetriebe ausgenommen. Dennoch wird Mannesmann den Ausbau der Schachtanlage Hugo forciert weiterbetreiben, allerdings nicht, um eine absolute Fördersteigerung zu erzielen, sondern nur um die auslaufende Förderung älterer Anlagen aufzufangen. Die Zechen werden vermutlich ihren Anteil am Investitionsvolumen des Konzerns erweitern.

Von den in 1958 erheblich zurückgeschraubten Investitionen in Höhe von 175 (226) Mill. DM entfielen auf den Bergbau 25, auf die Hüttenseite 80, Röhren 43, Weiterverarbeitung 20 und Handel 8 Mill. DM Auch im laufenden Jahr wird Mannesmann nicht wesentlich über das Abschreibungsvolumen hinaus investieren. Abgeschrieben wurden in 1958 145,7 (133,6) Mill. DM. Die 150-Mill.-Anleihe, die im Mai dieses Jahres aufgelegt worden ist, dient ausschließlich dem Ziele der Konsolidierung.

Ingrid Neumann