Der erste öffentliche Auftritt von "Volksaktionären" war ungewöhnlich, ja, einmalig. Die zahlenmäßige Beteiligung der neuen Preußag-Aktionäre an ihrer ersten Hauptversammlung wich allerdings nicht vom gewohnten Bild ab. Knapp tausend Aktionäre waren in der hannoverschen "Niedersachsenhalle" erschienen, dreimal soviel hätten gewiß Platz gehabt, denn die Preußag-Verwaltung hatte auch eine Übertragung in andere Räume vorbereitet.

Ungewöhnlich war die Dauer der Hauptversammlung von 15.30 Uhr bis kurz vor Mitternacht, und ungewöhnlich war auch die Diskussionsfreudigkeit. Nach sechs Stunden Debatte seufzte ein Aktionär, er komme sich vor wie in einer Nachtsitzung des französischen Parlaments. Zur gleichen Stunde gab der Aufsichtsratsvorsitzende, Staatssekretär a. D. Dr. Hartmann, bekannt, daß noch 32 Wortmeldungen vorlägen. Dr. Hartmann hatte übrigens bei dieser letzten Amtshandlung als Vorsitzender des alten Aufsichtsrats unermüdlich zu tun, acht Stunden hindurch diese Debatte zu leiten. Es galt, viele Anträge, Zwischenrufe und temperamentvolle Beifalls- und Mißfallensäußerungen zu meistern. Anfangs war Dr. Hartmann allerdings nicht ganz auf den etwas hemdsärmeligen Ton eingestellt. Er hatte wohl noch die Hoffnung, alles forsch und zügig über die Bühne bringen zu können.

Im Mittelpunkt der Debatte auf der Hauptversammlung stand die Neuwahl von 10 Mitgliedern des Aufsichtsrats als Vertreter der 216 000 neuen privaten Aktionäre. (Im Vergleich zu diesen 10 Sitzen für einen AK-Anteil von 81,5 Mill. DM beansprucht die VEBA für das von ihr noch gehaltene AK von 23,5 Mill. DM mit 4 AR-Sitzen einen unangemessen großen Einfluß. Genau am Kapitalanteil gemessen, hätte sich die VEBA mit 3 Sitzen begnügen müssen. 4 Sitze sind ihr jedoch in der Satzung zugesichert worden.)

Sechs verschiedene Listen standen für die neu zu wählenden 10 Aufsichtsratsmitglieder zur Wahl, 5 Vorschläge von verschiedenen Aktionärsvereinigungen und der Verwaltungsvorschlag. Gewählt worden ist mit der großen Mehrheit von 32 268 Stimmen die Liste der Preußag-Verwaltung. Die übrigen fünf Vorschläge brachten es im Höchstfalle auf 1323 Stimmen. Der Erfolg des Verwaltungsvorschlages stand in dem Augenblick fest, als die Anwesenheitsliste zeigte, daß rund 90 v. H. des anwesenden AK von 57,7 Mill. DM durch Banken vertreten wurden. Allerdings hatten die Oppositionsredner der zahlreichen "Volksaktionärs-Vereinigungen" nicht den geringsten Anlaß, die Interessenvertretung der Banken zu kritisieren; denn so mancher ihrer Sprecher ließ den Verdacht aufkommen, daß hier recht handfeste Sonderinteressen vertreten wurden. Hoffentlich werden sich in den jungen Aktionärsvereinigungen nicht solche Männer nach vorn schieben, die einen Beruf daraus machen, künftig als routinierte "Manager in Volksaktien" von Hauptversammlung zu Hauptversammlung zu reisen..

Es ist gewiß noch manche Kinderkrankheit zu überwinden, bis die Probleme der Interessenvertretung von Kleinaktionären einigermaßen gelöst sind. Resignieren sollte man über die erste Probe in Hannover jedoch nicht. Die Preußag-Hauptversammlung hat gezeigt, daß zahlreiche Kleinaktionäre sich um ihre neue Kapitalanlage kümmern. (Andere freilich überschätzen erheblich den Einfluß von vier Aktien zu 100 DM und greifen nach falschen Mitteln. Man kann sich zum Beispiel auf einer Hauptversammlung nicht ständig auf parlamentarische Gepflogenheiten stützen statt auf das Aktienrecht.)

Obwohl die Verwaltung mit ihrem Vorschlag so glänzend durchgekommen ist, wird sie doch eine Menge gelernt haben während dieser achtstündigen Debatte. Sie hat gewiß erkannt, daß in der Preußag mit einer "lammfrommen" Hauptversammlung für die nächste Zeit nicht zu rechnen ist. Ein Eindruck, der das Näherrücken von Verwaltung und Kleinaktionären sicher fördern wird. K. D.