Menschen in Menschenhand, das ist ein guter, klarer, alles aussagender Titel, der freilich mit gleichem Recht über allen Büchern stehen könnte, die davon berichten, was Menschen in Arbeits-, Straf-, Umschulungs- und Vernichtungslagern Mitmenschen zufügen können und zugefügt haben und noch immer zufügen.

Es ist ein bitterer Titel. Welches Buch, das von Wohltaten von Mensch zu Mensch berichtet, wäre wohl mit ihm denkbar? Es ist ein Titel, der von vornherein das "Wolf unter Wölfen" einschließt; der einschließt, daß ein Mensch, der in des Menschen "Hand", das heißt aber in des Menschen Gewalt ist, auf das Schlimmste gefaßt sein muß. Und was es in nazideutschen wie in sowjetrussischen Lagern gegeben hat, schließt das Schlimmste, was sich ein Menschenhirn nur ausdenken mag, automatisch ein.

Eine Auslese davon, die noch nicht einmal vom allerbittersten, aber doch typischen Geschmack ist, bietet nun ein Buch, das von einem in Sibirien "eingelagert" gewesenen Deutschen geschrieben ist, der die große Kraft und das hohe Glück hatte, diese teuflischen Jahre so intakt zu überstehen, daß er noch die Vitalität hatte, eben dieses Buch zu schreiben:

Helmut Leutelt: "Menschen in Menschenhand Bericht aus Sibirien; Paul List Verlag, München; 324 S., 15,80 DM.

Der Mann wurde von seiner Familie weg, grundlos, in der Mandschurei von den Russen verhaftet und in sibirische Arbeitslager gebracht, die er erst nach zehn Jahren wieder verlassen konnte, um in die Heimat zurückzukehren. Ein Buch wie Dutzende andere also; aber es gibt ja da makabre Unterschiede, und wer Lust dazu hätte, könnte eine völkerpsychologische Studie über die verschiedenartigen Be- und Mißhandlungsmethoden in den Lagern totalitärer Staaten schreiben.

Leutelt verzichtet auf sonderliche Verbitterung, er läßt die Menschen, denen er begegnet, und die Vorgänge für sich sprechen. Er entwirft eine Soziologie der Lager, die er durchmacht und die sich untereinander kaum unterscheiden. Er tut es mit so viel Souveränität, menschlicher Würde und Sachlichkeit, daß seinen Berichten ebenso große Überzeugungskraft wie Spannung und Humanität innewohnt. Von sämtlichen Büchern, die mir über das trostlose Thema unter die Hände gekommen sind, scheint mir dieses dem großen klassischen Ur- und Vorbild, nämlich Dostojewskijs "Aus einem Totenhaus", am nächsten zu kommen. Es finden sich Figuren, Betrachtungen und Sach- und Fachbemerkungen darin, die über die besondere Lebensform der total Entrechteten und politischen Opfer des modernen Lebens beredte Zeugnisse ablegen.

Den fachlichen Ausführungen zum Thema der Selbsthilfe und Improvisation unter unmöglichen Lebensbedingungen kann man natürlich nicht immer folgen. So erscheint es mir kaum glaublich, daß man mit Beilen Eisenbahnschienen einkerben und zerteilen kann. Ich muß aber gestehen, daß ich nicht kompetent bin, da ich es noch nicht versucht habe.

Dem Buch wohnt um so größere Eindruckskraft inne, als es selbst da noch Maß und Besonnenheit an den Tag legt, wo man billigerweise Schaum vorm Mund erwarten dürfte – ein Phänomen übrigens, das sich sogar vorwiegend in Berichten dieser Gattung findet und immerhin den "alimenta misanthropiae", der menschenfeindlichen Nahrung, die sie enthalten, einen bedeutenden Schuß philanthropischen Trostes beimengt. Martin Beheim-Schwarzbach