Paris, Anfang Juli

Zunächst war es nicht viel mehr als nur eine leise kräuselnde Unruhe auf der Oberfläche des NATO-Wassers, die vom Pariser Elysée-Palast, dem Präsidentensitz, strahlenförmig in alle Länder der westlichen Allianz lief. Dann schlugen ein paar Tage lang die Wellen sehr hoch, und es schien sich eine böse Verstimmung zwischen den Politikern an der Seine und den Politikern am Potomac anzubahnen. Nun haben die Franzosen in der letzten Woche ein wenig eingelenkt, und die offiziellen Sprecher der Regierung de Gaulle ließen über ihre trotzigen Mienen wenigstens hin und wieder ein verbindliches Lächeln huschen.

So wird sich denn auch der amerikanische Offizier, der in Paris seinem Zorn auf die französischen Verbündeten mir gegenüber Luft machte, wieder etwas beruhigt haben. Zwar würde er diesen Satz wohl noch jetzt wiederholen: "Ich kann Ihnen die Ziele der NATO wegen meiner Sprachschwierigkeiten natürlich nicht auf deutsch erklären. Es ist schon auf englisch schwer genug – aber auf französisch geht’s gar nicht."

Aber er würde, da er ein Mann ist, der sich nicht scheut, seine Fehler zu korrigieren, auf die Frage: "Was ist der französische Beitrag zur NATO?" sicher nicht noch einmal lakonisch und ärgerlich antworten: "Geographie

Die Wogen also haben sich wieder geglättet, aber noch immer geht das nervöse Kräuseln über die Wasseroberfläche. Denn die von den Franzosen. ausgelösten Mißhelligkeiten in der NATO, vor allem die französisch-amerikanischen Spannungen, sind durchaus noch nicht beigelegt. Gewiß, Paris hat in dem augenblicklich wohl heikelsten Streitpunkt, nämlich in der Frage der amerikanischen Hilfe beim Bau von französischen Atombomben, zunächst einmal zurückgesteckt, und mit Erleichterung haben die NATO-Politiker der westlichen Welt diese Erklärung des Außenministers Couve de Murville zur Kenntnis genommen: "Wir sind realistisch genug, um die Situation in den Vereinigten Staaten richtig einzuschätzen. Es gibt da ein Gesetz, es gibt da einen Kongreß und es gibt da ein parlamentarisches System. Wir wollen keinen Druck ausüben. Die Dinge liegen nun einmal so, und wir können sie nicht ändern."

Zwei andere französische Forderungen sind jedoch noch nicht zurückgenommen, und es spricht zur Stunde auch nichts dafür, daß de Gaulle bereit wäre, sie aufzugeben. Es spricht aber gleichfalls nichts dafür, daß die USA bereit wären, sie beide zu erfüllen. Es sind dies erstens der alte französische Plan eines NATO-Dreier-Direktoriums aus Amerikanern, Engländern und Franzosen und zweitens der dringliche Wunsch der Pariser Regierung, daß die NATO-Verbündeten den Krieg in Algerien als einen Verteidigungskampf gegen die Kommunisten anerkennen und moralisch billigen sollen.

Was den letzten Punkt angeht, so läßt sich eine Entscheidung vielleicht bis zum Herbst hinauszögern – bis also die Algerienfrage wieder vor die Vereinten Nationen kommt. Dann aber, das ist der deutliche Eindruck, der sich in Paris gewinnen läßt, erwarten die Franzosen eine klare Entscheidung vom großen Verbündeten auf der anderen Seite des Atlantiks. Und wie diese Entscheidung ausfallen wird, davon kann – so unsinnig das jeder vernünftigen Erwägung erscheinen mag – viel abhängen für das künftige Wohl und Wehe der NATO-Allianz.